Kurzmeldung, 881 Zeichen:

Bereits vor fünf Jahren hat der FUSS e.V. eine Studie für eine Flaniermeile Berlin in der historisch und touristisch herausragenden Straße Unter den Linden vorgelegt. Vor zwei Jahren hat eine Gruppe von 48 Studentinnen und Studenten der Beuth Hochschule die Vorschläge mit zahlreichen Gestaltungsideen angereichert. Jetzt ist das bisher wenig beachtete Thema plötzlich hochaktuell, weil es im Koalitionsvertrag des neuen Berliner Senats aufgenommen wurde. Die projektierte Flaniermeile, die zufällig genau eine Meile lang ist (1,61 Kilometer), könnte ein bundesweit interessantes Modellvorhaben darstellen. Noch nie zuvor ging es um die Wiederbelebung einer Fläche von der Größenordnung von 25 Fußballfeldern mitten im Zentrum einer Millionenstadt. Die politisch gewollte fußgängerfreundliche Umgestaltung des Straßenzuges ist eine große Herausforderung.

www.flaniermeile-berlin.de

 

Ausführlichere Fassung, ca. 5.626 Zeichen:

Der Fachverband Fußverkehr Deutschland Fuss e.V. hat bereits vor fünf Jahren eine Studie veröffentlicht mit der Fragestellung, wie die historisch und touristisch herausragende Straße Unter den Linden in Berlin für die Bewohner und ihre zahlreichen Gäste wieder aufgewertet werden kann (www.flaniermeile-Berlin.de). Seit vielen Jahren ist die Mittelpromenade durch die zahlreichen Querstraßen von Fußgängern nicht in einem Zuge zu benutzen: Durch die Lärmbelästigung hat die Straße für Fußgängerinnen und Fußgänger wenig Charme und Aufenthaltsqualität. Der Vorschlag des Verbandes, Unter den Linden als Modellprojekt „Berliner Begegnungszone“ in die im Juli 2011 vom Senat verabschiedete Fußverkehrsstrategie aufzunehmen wurde nicht aufgegriffen. Daraufhin wurde auf Anregung des Fuss e.V. ein Studienprojekt der Beuth-Hochschule für Technik Berlin BHT durchgeführt, in dem etwa 50 Studentinnen und Studenten planerische Grundlagen erarbeitet und den Vorschlägen des Verbandes weitere kreative Ideen hinzugefügt haben.

Der Mitte November 2016 vereinbarte Koalitionsvertrag der Rot-Rot-Grünen Landesregierung sieht nunmehr vor, dass „das Umfeld des Humboldtforums … verkehrsberuhigt und der Straßenraum bis zum Brandenburger Tor fußgängerfreundlich umgestaltet [wird]. Dabei wird der motorisierte Individualverkehr unterbunden zugunsten des Umweltverbundes.“ Diese Aussagen werden von der Fußverkehrs-Lobby begrüßt und wurden mit dem Angebot zur Zusammenarbeit an die zuständigen Senatorinnen für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Regine Günther sowie für Stadtentwicklung und Wohnen Katrin Lompscher verknüpft.

Bernd Herzog-Schlagk vom FUSS e.V., Initiator der Umgestaltungs-Ideen, hält es für sinnvoll, die Diskussion vorerst offen zu führen und „abzuwägen, ob eine durchgängige Fußgänger- oder eine Begegnungszone mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 km/h oder möglicherweise anderen Verkehrsberuhigungs-Elementen wie z.B. Share-Space zielführender sind“. Nach Bernd Wilde, ebenfalls Fuss e.V.-Mitstreiter, muss es in erster Linie darum gehen, „dass der Mensch in diesem Straßenzug zukünftig eindeutig im Mittelpunkt der Verkehrsführung und der Straßengestaltung stehen muss“.

Das FUSS e.V.-Konzept sah bisher einen sehr behutsamen Umbau vor. Hintergedanke war, den Neubau der U-Bahnlinie 5 in der Straße Unter den Linden zu nutzen, um gleich im Bauverlauf Veränderungen an der Straßenoberfläche vornehmen zu können und damit Steuermittel zu sparen. Die Vorschläge sehen vor, die durchgängige Nutzung der Mittelpromenade vom Pariser Platz am Brandenburger Tor mit einem Anschluss als Begegnungszone bis zur Liebknechtbrücke und damit zum neuen Humboldtforum im Berliner Schloss zu ermöglichen.

Auch im Projekt Ingenieur- und Architekturstudenten der Beuth-Hochschule lag der Schwerpunkt in der Verbesserung der Situation für den Umweltverbund. So wurden die Verbreiterung der Mittelpromenade und der außenliegenden Gehwege vorgeschlagen, um die Außengastronomie zu unterstützen und das Flanieren attraktiver zu machen. Wichtig war allen Beteiligten, dass das Wechseln von den Gehwegen zur Mittelpromenade und zurück, deutlich leichter werden muss. Darüber hinaus wurden breite Radwege und gesonderte Busspuren empfohlen. Die Reduzierung der Fahrspuren für den motorisierten Individualverkehr ist aufgrund des aktuellen Verkehrsaufkommens möglich, sollte aber auch darüber hinaus bedacht werden. So wurde z.B. Tempo 30 für den gesamten Straßenzug empfohlen, andere Entwürfe enthielten in Teilbereichen Fußgänger- oder Begegnungszonen.

Eine der wesentlichen Aspekte der bisherigen Diskussion war die Fragestellung, wie der öffentliche Raum besser genutzt und die Straßennutzerinnen und -nutzer zum Flanieren motiviert werden können. Neben der Neuanordnung von Grünstreifen bzw. Baumreihen wurden zahlreiche Gestaltungselemente (Möblierung, Schaukästen, Info-Stelen, Bewegungs-Animationen bis hin zum Trampolin) und Beleuchtungseinrichtungen vorgeschlagen. Herausragend war dabei die Verbindung von Elementen mit inhaltlichen Aussagen zu den umliegenden Bauten und Denkmälern. Mit der aktuellen Diskussion über die Aufwertung historisch oder touristisch bedeutsamer Straßen und Plätze steht Berlin nicht allein. So meldete z.B. Paris Anfang des Jahres 2016, dass die Schnellstraße entlang der Seine im Herzen der Stadt zu einer autofreien Flaniermeile umgestaltet werden soll. Jetzt macht sich also auch die deutsche Bundeshauptstadt auf den Weg.

Eine der großen Herausforderungen der Umgestaltung der Straße Unter den Linden ist ihre große Fläche. In der aktuellen Architektur-Diskussion wurde durch den Professor für Städtische Architektur an der Technischen Universität München Dietrich Fink der Begriff „Zauber des Zwischenraums“ eingeführt: „Zwischenräume sind das Wertvollste – in einem Haus, in einem Viertel, in der ganzen Stadt.“ Doch müssen diese öffentlichen Räume auch ausgefüllt oder wie man heute sagt „bespielbar“ sein: „Es braucht schon eine gewisse Dichte, die macht die Stadt attraktiv und kreativ.“ Die Straße Unter den Linden ist vom Brandenburger Tor bis zur Mitte des Schlossplatzes ziemlich genau eine Meile lang (1 Meile entspricht 1,61 Kilometer) und in der Regel über 60 Meter breit. Dies ergibt eine öffentliche Fläche in der Größenordnung von annähernd 25 Fußballfeldern. Sie ist noch länger als die weltbekannte Flaniermeile La Rambla in Barcelona (1,26 Kilometer) und deutlich breiter. Man muss also sehr sorgfältig und vorausschauend Angebote zum Flanieren aufbauen. In diesem Sinne möchte der FUSS e.V. seine und die Vorschläge der Studentinnen und Studenten in die Diskussion einbringen.

Quellen:

(1) www.flaniermeile-berlin.de

(2) Koalitionsvereinbarung zwischen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und DIE LINKE Landesverband Berlin und BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN Landesverband Berlin für die Legislaturperiode 2016-2021: Berlin gemeinsam gestalten. Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen, 16. November 2016, Abschnitt „Stadtentwicklung in Berlin – intelligent, nachhaltig und partizipativ“, Punkt „Besondere Orte Berlins attraktiv weiterentwickeln“, Seite 31, Zeilen 229-231

(3) Stefanie Kara: Ist das jemand? Der Mensch nebenan., in Die Zeit, Nr. 50, 1.12.2016.

 

Pressemitteilung des
Fuss e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland
vom 21. Dezember 2016