Während immer mehr Menschen durch die explodierten Industrie-Metropolen des 19. und 20. Jahrhunderts hasteten, machten einige Wenige aus dem urbanen Gehen Kult, Lust und Erkenntnisweg: die Flaneure. Wie das Wort erahnen lässt, begann das Ganze in Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts – als Protestbewegung einzelner Privilegierter, die gegen die wachsende Hast und Effizienz eine demonstrative Langsamkeit setzten. Stärkstes Symbol dafür waren Schildkröten mit Halsband und Leine, die das minimale Flaniertempo vorgaben.

Knapp hundert Jahre später wollte ein deutscher Flanier-Literat nichts im Gehen demonstrieren, sondern wollte schauen, lernen und darüber schreiben: Franz Hessel, dessen Hauptwerk „Spazieren in Berlin“ 1930 erschien. „Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen“, schrieb Hessel. „Man wird umspült von der Eile der andern.“

Seinen Geh-Weg beschrieb er so: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschen gesichert, Auslagen, Schaufenster, Caféterrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.“ Hesse war alles andere als ein Snob, es zog ihn stärker in die Quartiere der armen als der reichen Berliner. Die weniger Wohlhabenden liefen schließlich mehr: „Das Spazieren ist ein Schatz der Armen und heutzutage fast ihr Vorrecht.“ Wie kann der eilige Wohlhabende gleichziehen? Hessel: „Gegen den zunächst berechtigt erscheinenden Einwand der Beschäftigten und Geschäftigen: ,Wir haben einfach keine Zeit, spazieren zu gehen‘ mache ich dem, der diese Kunst erlernen, oder, wenn er sie einmal besaß, nicht verlernen möchte, den Vorschlag: ,Steige gelegentlich auf deinen Fahrten eine Station vor dem Ziel aus und lege eine Teilstrecke zu Fuß zurück. Mach Minutenferien des Alltags aus solcher Gelegenheit.‘“ Und er appellierte: „Geht selbst so wie ich ohne Ziel auf die kleinen Entdeckungsreisen des Zufalls. Ihr habt keine Zeit? Dahinter steckt ein falscher Ehrgeiz, ihr Fleißigen. Gebt der Stadt ein bisschen ab von eurer Liebe zur Landschaft.“

Die sterilere, vor allem autogerechte Stadt der Nachkriegszeit bot Flaneuren wenig Raum und Atmosphäre. Will Self schrieb 2007 in „Psychogeography“: „Die Leute wissen nicht mehr, wo sie sich befinden. Im postindustriellen Zeitalter kann jeder den Pygmäen in Ituri einen Besuch abstatten, aber wer hat schon mal den Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum zu Fuß bewältigt?“

Da gab es längst eine Geh-Gegenbewegung. Ein führender deutscher Exponent war der Soziologie Lucius Burckhardt – vielleicht nicht zufällig im radikal nachkriegsmodernen Kassel, dessen Zentrum für Fußgänger mit Ringstraßen abgeschottet war wie mit mittelalterlichen Mauern  – zu Fuß kam man nur durch Tunnel in die City. Burckhardt nannte sein Fach ironisch Promenadologie, auf Deutsch: Spaziergangswissenschaft. Es ging um Wahrnehmungs-Schärfung und um Protest gleichermaßen: „Die Spaziergangswissenschaft will die menschenfeindliche Planung, das Brutale der gegenwärtigen Lebensform aufzeigen. Spazierendgehende Menschen sind schon durch den Gebrauch ihrer Füße langsamer – und da sie gehen, weil sie Lust dazu haben, und nicht um anzukommen, sind sie zeitlich unberechenbar.“ (Zitat von hier)  Burckhardt promenierte und agierte alles andere als verbissen: Für ein Freilicht-Seminar ließ er Stühle in eine Parklücke tragen – und zahlte brav die Gebühr für den Platz. Temporäre Fußgängerüberwege schuf er unter dem Motto „Das Zebra streifen“, und die eingeschränkte Wahrnehmung von Autofahrern verulkte er zu Fuß – mit einer vor dem Kopf her getragenen Windschutzscheibe.

Burckhardts Erbe wird heute vor allem von dem Leipziger Spaziergangswissenschaftler Bertram Weishaar und seinem Atelier Latent gepflegt. Stolz teilen wir mit, dass Weishaar Mitglied von FUSS e.V. ist und wichtiger Träger unserer Leipziger Ortsgruppe ist.