In einer kleinen Reihe werden an dieser Stelle in der nächsten Zeit literarische und andere anregende Texte oder Textpassagen zum Thema „Gehen“ in Kurzform vorgestellt: Welche Aspekte und Gedanken stehen jeweils im Vordergrund, wie und von wem wurden über die Jahrhunderte zum Thema Gehen solche Reflexionen, Beschreibungen oder Stimmungsbilder verfasst? 

Hier können Sie zu den Schriftsteller/innen springen, die mit dem Buchstaben
B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q ... beginnen.

 

Buchstabe A

Chinua Achebe, 1958: Alles zerfällt

Eine sorgfältig recherchierte Geschichte, die sich im Südosten Nigerias und in vorkolonialer Zeit bis zur afrikanisch-europäischen kolonialen Begegnung (um1890) zutrug. Es ist der erste Band einer Trilogie, die das Leben in den sieben Urwalddörfern eines Klans bis zur erfolgten Kolonialisierung erzählt. Die Hauptfigur des ersten Teils ist Okonkwo, der als Strafender und selbst gestrafter Klanführer die alten Regeln beachten und erhalten will.

Gehen ist die selbstverständliche Fortbewegungsart, getragen werden jüngere Kinder, Kranke und Lasten. Gehen ist also gar nicht der Erwähnung wert – außer in besonderen Situationen, weil ein Kind auf dem Rücken einer Priesterin in der Nacht zum Gott in den „Hügeln und Höhlen“ getragen wird. Die Mutter des Mädchens entscheidet sich trotz der großen Dunkelheit infolge einer Regenwolke hinterherzulaufen. „Dauernd rannte sie links oder rechts gegen dichtes Gewächs und Schlingpflanzen am Wegrand. Einmal stolperte sie und fiel hin. ... Sie schloss kurz die Augen und riss sie dann weit auf im Bemühen etwas zu sehen. Doch es war zwecklos. Sie sah nicht über ihre Nase hinaus.“ (S. 120) Übersetzung aus dem Englischen, erschienen 2012 als Taschenbuch im Fischer Verlag.

Anna Achmatova, 1940: Vierzeiler

Der eine schreitet geradeaus, der andre geht im Kreise und sucht sein Weib, sein Vaterland, das Ende seiner Reise.
Mein Lebensweg ist lang und schwer, und ich erreiche leise das Nirgendheim, das Nimmermehr – wie Züge vom Geleise.

Übersetzung aus dem Russischen, auf Deutsch „Im Spiegelland. Ausgewählte Gedichte.“ Verlag Piper S. 98

Theodor W. Adorno, 1951: Immer langsam voran

Den Einstieg macht die Vorstellung eines scharfsinnigen Kurztextes aus den wunderbaren „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ von Theodor W. Adorno, Philosoph und Sozialwissenschaftler. Im Dritten Teil dieser Sammlung aus den Jahren 1945/46 (Erstveröffentlichung 1951) ist der Abschnitt 102 „Immer langsam voran“ überschrieben. 

Warum immer langsam? 

Der Zeitraum der Entstehung des Textes ist sicher eine Erklärung für diese Frage. Denn im Nachkriegsalltag - nach all den unterschiedlichen individuellen Erfahrungen von Verfolgung und Flucht, Emigration wie bei Adorno, Krieg und Bombardements - ist es verständlich, wenn das Rennen auf der Straße mit Gefühlen der Gefahr und des Schreckens verbunden war. Wobei sich Rennen und Laufen in der Bedeutung unterscheiden. Rennen sieht Adorno verbunden mit der Flucht vor Gefahren - vormals vor wilden Tieren, dann vor menschlichen Verfolgern und schließlich im zunehmend von Automobilen beherrschten Straßenverkehr, in dem er die Verkehrsordnung für den Schutz von Fußgängern als nicht ausreichend erlebt. 

Das in seinen Worten bürgerliche Gehen ist für ihn dagegen verbunden mit der guten alten Zeit: „Menschenwürde bestand auf dem Recht zum Gang, einem Rhythmus, der nicht dem Leib von Befehl oder Schrecken abgerungen wird. Spaziergang, Flanieren waren Zeitvertreib des Privaten, Erbschaft des feudalen Lustwandelns im neunzehnten Jahrhundert.“  

Die Jugend dagegen zog statt einfachem, schlichtem Gehen und insbesondere dem familiären Spazierengehen die Herausforderung von Kraftanstrengungen auf langen Wegen vor.   

Ein kurzer Text, der um so länger zum Nachdenken reizt. Wie das bei Adorno eben so ist. Er regt an zu Betrachtung und Unterscheidung einer Vielzahl von Formen des menschlichen Gehens oder des Rennens, Laufens, Stolperns oder Schreitens …

Damit bildet er gleichsam eine Einleitung für die Vorstellung von literarischen und anderen Texten, die in der nächsten Zeit an dieser Stelle erscheinen werden.

Verwendete Quelle: Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1704, 8. Auflage 2012, S. 184 - 185 

Tschingis Aitmatov, 1958: Dshamilja.

Louis Aragon bezeichnet in seinem Vorwort diese Erzählung als die schönste Liebesgeschichte der Welt:
Sie trägt sich während des zweiten Weltkriegs in den kirgisischen Bergen und Steppen zu. Es ist die Zeit der Kolchosen, die für die Frontversorgung zuständig sind. Aus der Sicht eines Schuljungen, der in den Sommerferien auch zur Arbeit herangezogen wird, erfahren wir, wie er und seine Schwägerin, die in den langen Familienbriefen von ihrem Mann von der Front gerade mal einen knappen Gruß erhält, einen heimgekehrten Kriegsversehrten und dessen überwältigende Stimme und Lieder nach und nach kennen und schätzen lernen. Und wie das bei einer Liebesgeschichte so vorkommt, geht dieses Paar irgendwann seinen gemeinsamen Weg.

Nur der Junge sieht aus der Ferne, wie die beiden heimlich weggehen: „Und plötzlich sah ich zwei Menschen, die anscheinend über die Furt wollten. Es waren Dshamilja und Danijar. ... Jetzt gingen sie durch den mit Weidengestrüpp bewachsenen Hohlweg, .. Danijar und Dshamilja gingen, ohne sich umzuschauen, in Richtung der Bahnlinie ... Ihre Köpfe tauchten noch ein-, zweimal zwischen dem Weidengebüsch auf, dann waren sie verschwunden.“ (S. 94 f.) Der Junge aber verriet die beiden und ihren gewählten Weg nicht an die sie suchenden Dorfbewohner.

1958 aus dem Kirgisischen übersetzt und auf Russisch erschienen;1962 Übersetzung ins Deutsche für den Insel Verlag; hier verwendet die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg.

Sophie Albrecht, 1797: Das höfliche Gespenst

Der dreißigjährige Krieg herrscht, auch der Verlobte der sehr jungen Katharina von Hartig wird im Krieg getötet. Die junge Frau lebt allein mit ihrer Dienerschaft in Prag.
„Die einzige Linderung ihrer Leiden gab ihr der Gedanke an ermüdende Spaziergänge.“

Doch das große Prag wurde ihr zu klein, sie zog auf ein geerbtes Landgut an der Moldau. „Wurde es ihr zu enge in ihren Mauern, da nahm sie ihren Schleyer, und machte oft stundenlange Spaziergänge, um ihren Schmerz durch Müdigkeit abzustumpfen. In diesem Mittel lag ihr fast immer Heilung.“Sie besuchte hin und wieder eine Tante, die in einem der nahe gelegenen Frauenklöster lebte. Während die jugendliche Katharina gerade die Abendstunden draußen genoss, warnte die Tante bei ihren Besuchen insbesondere vor Spaziergängen nach Anbruch von Dämmerung und Dunkelheit. Doch als die Tante wieder in ihre Kloster zurückgekehrt war, begegnete Katharina auf ihren einsamen Gängen zu einer kleinen Marienkapelle erstmals einer jungen Frau, einer Gräfin Ida
...
Im alten Böhmen gab es viele Burgen und viele Geschichten um diese und ihre Bewohnerschaft. Und hier eben eine, die offensichtlich gerade die jungen Frauen vor „einsamem“ Spazierengehen warnen will …

Enthalten in der Sammlung Gutenberg

Alfred Andersch, 1952: Die Kirschen der Freiheit

Am 6. Juni 1944 begann für den Erzähler die Freiheit, zu Fuß, nachdem er gerade sein letztes Armeeeigentum, ein Fahrrad, an einen jungen italienischen Bauern verschenkt hatte . „Mit einem gemurmelten ,Addio’ und ,Buon viaggio’ trennten wir uns, ich stieg ins Tal hinab, das mich endgültig von der Straße des Krieges trennte, ...“ (S.121)

Er ging schließlich los, „begann seinen Marsch durch die Wildnis. Hinab ins Flusstal, die zerzackten Felsen, die Hügel mit den Bäumen.“ (S.128) Er stieg hinab in die Täler und bahnte sich einen Weg durch die Macchia. Den Rest seiner Ausrüstung warf er in die Getreidefelder.

Trotz brennender Mittagssonne und völlig verschwitzt schlug er sich durch das Dornengestrüpp. Und schließlich fand er einen wilden Kirschbaum, unter dem er sich ausruhen und die reifen Kirschen genießen konnte: Nun sein Inbegriff von Freiheit.

(S.130) Auch wenn dieses Glück nur eine kleine Auszeit aus dem Kriegsalltag war, in den er später als Gefangener der Alliierten wieder einbezogen wurde.

Diogenes, Zürich 1976

Ganz nach oben

Buchstabe B

Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll 

1985 in Spanien erschienen und 2007 in deutscher Übersetzung im Transitverlag veröffentlicht.

Von 1936 bis 1975 herrschte in Spanien die Diktatur des Militärs unter General Franco. In dieser Zeit lebt die Hauptfigur Conxa in Ermita, einem abgelegenen Dorf der Pyrenäen. 

Mit 13 Jahren musste sie für einige Zeit das Elternhaus verlassen, um bei Verwandten mitzuhelfen und die eigene Familie zu entlasten. Auf dem mühseligen Weg zur Tante stolperte sie hinter dem Onkel her, der auf dem Maultier saß: Die von der Schwester geliehenen Schuhe waren zu groß und das Mädchen scheuerte sich die Füße wund. Lange Fußmärsche wie der zum Markt im nächsten größeren Ort blieben für sie üblich, aber nicht beliebt. 

Eine Ausnahme stellt der Weg zum Vieheintrieb mit ihrem Mann Jaume dar, auf dem sie einmal in Ruhe reden konnten. “Am Abend würde ich bestimmt völlig erschöpft ins Bett fallen, aber jetzt hatte ich nur Freude daran, draußen zu sein, von einem Felsen zum anderen zu springen, durch den Bach zu waten, den Brennnesseln auszuweichen.“ (S. 72) 

Doch was sie tatsächlich erwartet in der nächsten Zeit, ist weitaus schlimmer: Sie wird wie viele andere Frauen zu Zwangsarbeit verschleppt, ihr Mann wird von den Franquisten ermordet. Viele Wochen später auf dem Weg zurück nach Hause, „zu Fuß, da war uns, als sähen wir alles zum ersten Mal. Überall blühte die Waldrebe. … Ich riß ein Büschel blühendes Seifenkraut heraus, und dieser unglaublich süße Duft erfüllte mich mit einer solchen Freude, daß ich in Tränen ausbrach.“ (S. 124)

B

Walter Benjamin: Die Wiederkehr des Flaneurs

Erstveröffentlichung dieser Besprechung des Buches „Spazieren in Berlin“, erschien in der Zeitschrift „Die literarische Welt“ vom 4.10.1929.

Flanieren spielte in den zwanziger Jahren in Berlin eine wichtige Rolle - zumindest für diejenigen, die es sich leisten konnten. Das führte wiederum zum Schreiben über das Flanieren. 

So erschien von Franz Hessel, einem engen Freund von Walter Benjamin, das Buch „Spazieren in Berlin“. Besonders wichtig erscheint Benjamin in seiner Besprechung des Buches, dass Hessel erzählt und zwar das, was ihm als Kind schon von der Stadt erzählt wurde. Damit erfasst er dieses epische Buch als „ein Memorieren im Schlendern“. Dabei erscheint sein Ansatz sehr aktuell, denn wie im aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs (vgl. Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Quelle von Weltbeziehung, 2016) erkennt er die Bedeutung von Gehen als Quelle von Resonanz: “Im Asphalt, über den er hingeht, wecken seine Schritte eine erstaunliche Resonanz.“ Und dann etwas  rätselhaft: „Das Gaslicht, das auf das Pflaster herunterscheint, wirft ein zweideutiges Licht über diesen doppelten Boden.“ 

Eine direkte Gebrauchsanweisung versteckt sich dann in der Bezeichnung der Stadt „mnemotechnischer Behelf des einsam Spazierenden“. 

Damit ist nicht der gesamte Inhalt der Besprechung wiedergegeben, aber hoffentlich ist die Neugier geweckt.

Verwendete Quelle: Walter Benjamin, Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2, Frankfurt 1988, Suhrkamp, 416 – 421. Oder auch in: Walter Benjamin: Stadt des Flaneurs., Berlin 2005, be.bra verlag.

B

Thomas Bernhard: Gehen

Zum Glück sind es nur rund 100 kleine Taschenbuchseiten, was es ermöglicht, das Büchlein in die Mantel- oder Jackentasche zu stecken und loszugehen. Denn zu gehen ist zumindest für mich die passende und einzig erträgliche Situation, in der dieses Büchlein lesbar und lesenswert wird. Der Bernhardsche mäandernde Stil, den viele Wort- und Strukturwiederholungen prägen, gehört bzw. passt am besten zum Gehen. Mäandernd bedeutet hier, dass es unzählige Wiederholungen und Variationen der immer wieder ähnlichen Grundaussagen gibt. Für die zwei Männer, die gemeinsam gehen und dabei ihre verstorbenen Freunde in einer zu ihnen passenden Weise betrauern, gehört Gehen und Denken zusammen, ist sogar gleichzusetzen. Dies ermöglicht es zu Schlussfolgerungen zu kommen wie der, dass letztlich der österreichische Staat an den verstorbenen Freunden gescheitert ist und diese wiederum am österreichischen Staat. In der Konsequenz bleiben immer weniger Gehgefährten, so dass die zwei Weggenossen immer eingeschlossener in ihrer Welt sind. Nun sprechen sie beim Gehen über die, die nicht mehr mit ihnen gehen, zum Beispiel Karrer, der in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde. Ausführlich wird der letzte gemeinsame Gang mit Karrer erzählt bzw. erörtert, bei dem möglicherweise die Auseinandersetzung mit einem Verkäufer von „höchstwertigsten“ Hosen bzw die Erregung über dessen Sprachgebrauch führte.

Empfehlung: Im Gehen zu lesen, so dass Sie auch Sätze wie S. 88 genießen können: „Wenn ich gehe, sagt Oehler, denke ich und behaupte ich, ich gehe und auf einmal denke ich und behaupte ich, ich gehe und denke, weil ich das denke, während ich gehe.“

Quelle: Erstmals 1971 bei Suhrkamp erschienen, hier wurde nach der 22. Auflage von 2015 zitiert.

B

Heinrich Böll: Der Engel schwieg

Erstveröffentlichung aus dem Nachlass 1992, im Jahr 1997 beim Deutschen Taschenbuch Verlag, München als dtv12450 erschienen.

Eigentlich wird ja bei Böll mehr gefahren, gern mit dem Auto oder wenigstens mit dem Zug, der Tram oder zumindest dem Fahrrad. Doch dieser kleine Roman aus dem Nachlass handelt von den Tagen um den 8. Mai 1945 herum, deshalb wird notwendigerweise auch bei Böll viel gegangen.

Was heißt gegangen: Im zerbombten Köln, seiner Heimatstadt, türmen sich Schutt und Dreck bis zu den ersten Stockwerken der leergebrannten Fassaden und aus manchen Straßenzügen kommt noch Qualm (vgl. S. 43). Der Kriegsrückkehrer mit den verwirrend vielen falschen Namen braucht „fast eine Stunde für einen Weg, den er früher in zehn Minuten hatte gehen können“. Und: „Er kletterte vorsichtig über die Trümmer in die Rubensstraße hinein.“ … Der weitere Weg führt ihn durch Trümmer anderer Art, nämlich „mit dichtem Grün überwucherte Hügel, auf denen kleine Bäumchen wuchsen, dichtes buntes Unkraut kniehoch - sanfte kleine Hügel, zwischen denen die Straßen wie Hohlwege erschienen, friedliche ländliche Hohlwege …“ (S. 54)

B

Bertolt Brecht: Zwei Fahrer (in den Geschichten vom Herrn Keuner)

Dass Bertolt Brecht auch und gerne zu Fuß ging, ist aus seiner langen Freundschaft mit Walter Benjamin zu schließen. Auf jeden Fall hatte sein Herr Keuner schon über den Straßenverkehr nachgedacht, als er zwei Theaterleute vergleichen sollte und dazu das Beispiel von Autofahrenden heranzieht. Eine gute Fahrweise erkenne er danach nicht bei dem Fahrer, der geschickt und kühn seinen Weg zwischen den Fahrzeugen zu finden sucht. Stattdessen zieht er eine Fahr-= Verhaltensweise vor, die am gesamten Verkehr ausgerichtet ist: „Er nimmt nicht seine Rechte wahr und tut sich nicht persönlich hervor. Er fährt im Geist mit dem Wagen vor ihm und dem Wagen hinter ihm, mit einem ständigen Vergnügen an dem Vorwärtskommen aller Wägen und der Fußgänger dazu.“ (S. 66)

Verwendete Quelle: Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Erschienen als Suhrkamp Taschenbuch 16, Zehnte Auflage 1979

B

Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau. Eine Reise zu Fuß

Zwischen Losgehen und Ankommen liegen fast drei Monate, rund tausend Kilometer, viele Blasen und Pflaster, viele Begegnungen und Erlebnisse. Noch am ersten Tag der Fußreise versorgte der Geher sich mit einer kleinen Schere, die für das Schneiden von Pflastern zur Vermeidung von Blasen. Und das hat geholfen. Unterwegs leerte er seinen Startrucksack, tauschte ihn dann gegen einen kleinen, der nur noch das Notwendigste enthielt und kam tatsächlich in Moskau an. Immer wieder erhielt er neben Unverständnis auch viel freundliche Unterstützung und immer auch Gelegenheit zum Lernen. Bevorzugt ging er die alten Wege, oft eintönige Pisten durch riesige Wälder. Beim Gehen empfand er sich als Teil dieser Eintönigkeit, so dass er sie nicht spürte. (Vgl. S.104) 

Die letzten Kilometer vor Moskau ging er so schnell, wie er noch nie gegangen war: „Um zwanzig nach vier flog ich an einem Schild vorbei: Moskau 2,7 Kilometer. Niemand ging außer mir, wirklich niemand. … Der Lärm um mich her war sehr groß, aber ein Jubel kam auf, der war größer, er kam aus den Sohlen meiner Stiefel, er kam aus den Waden und aus den Schienbeinen. …“ (S. 218)

Nun, ein Adrenalinschub, der ihn das Ortsschild umarmen ließ. 

Ersterschienen bei Rowohlt 2004, hier verwendete weitere Ausgabe von 2006/2007 vom SPIEGEL-Verlag

Ganz nach oben

Buchstabe C

Giacomo Cacciatore, 2007: Der Sohn

Ein kleiner Mafiaroman, der die Verführungsstrategien gegenüber den Familien der Angeworbenen genauer darstellt: angefangen mit köstlichen Törtchen, Farbfernseher und den Tröpfchen für die nervöse Dame. Der aber auch Handlungsstrategien zum Ausstieg aus dem System anreißt.

Solch eine Strategie fällt nicht in den Schoß, das lässt sich auch nicht alles in den Pasticcerias von Palermo und mit dem Cinquecento erledigen. Da wird schließlich auch eine Verfolgung zu Fuß notwendig, zuerst als der so um die zwölf Jahre alte Sohn dem Vater hinterhergeht, um ihn zu retten. „Kaum fährt das Auto davon, kehrt Giovanni dem Schultor den Rücken. ... Giovanni macht zwei Schritte entlang der Schulmauer, dann werden es zehn. Er muss vom Bürgersteig herunter. Und nicht einmal daran denken, wie es wäre, einfach nach Hause zu gehen ...“ (S.90) Einige Jahre und fünfzig Seiten später eine andere Szene, in der Giovanni erneut die Verfolgung aufnimmt. Der Cinquecento funktioniert nicht mehr und aus dem Fenster sieht er den Vater zu Fuß losgehen. Der inzwischen fast erwachsene Sohn ist bemüht den Vater nicht zu verlieren, „der rasch vor sich hin marschiert und ein ums andere Mal zwischen Leuten verschwindet und wieder auftaucht“... (S.143) So richtig glücklich kann eine solche Geschichte nicht enden, aber sie zeigt Möglichkeiten auf. Und dazu trägt auch das zu Fuß gehen bei.

Erschienen 2007 bei Einaudi, Turin, und 2008 auf Deutsch im Rowohlt Verlag.

C

Albert Camus: Der Gast

Algerien im Winter, es liegt Schnee auf der Hochebene, auf der ein Lehrer in einem kleinen Schulhaus lebt und arbeitet. Der Ausblick geht über die öde Hochebene mit verstreuten Dörfern, in denen die rund zwanzig Schulkinder leben. Richtung Süden fällt das Hochplateau ab, es zeigen sich Ausläufer des Gebirges und und das Tor der Wüste.

Zwei Männer, einer auf einem Pferd, stapfen inmitten von Steinen durch den Schnee zum Schulhaus, in dem wegen des Schneefalls kein Unterricht stattfindet. Der Mann auf dem Pferd ist der alte Gendarm mit italienischem Namen, er führt an einem Strick den zu Fuß Gehenden, einen Araber mit gefesselten Händen, der nur mit einer Djellabah und mit Sandalen über den Wollsocken an den Füßen bekleidet ist.

Der Gendarm kehrt rasch auf dem Pferd zurück. Den Gefangenen lässt er gegen Unterschrift bei dem Lehrer und verlangt, dass dieser ihn am nächsten Tag zur frankoarabischen Gemeinde bringen solle, was dieser aber klar ablehnt. Er befreit stattdessen seinen fiebernden Gast von den Fesseln, bereitet warmes Essen und eine Schlafstelle im Haus.

Am folgenden Morgen bringt er den Mann, der sein Gast wurde, auf eine Anhöhe und zeigt ihm die zwei möglichen Wegrichtungen, eine in den Ort mit der Gerichtsbarkeit und die andere zu den Nomaden. Er überlässt ihm außerdem Proviant und Geld. Dann geht der Lehrer zurück zur Schule: „Ein paar Minuten lang hörte er nur seine eigenen Schritte, die hart auf der kalten Erde aufklangen.“ …

Aus dem Französischen übersetzt und erschienen auf Deutsch 1961 in dem Band „Kleine Prosa“ im Rowohlt Verlag.

C

Elias Canetti, 1968: Die Stimmen von Marrakesch

Im Jahr 1954 begleitete Elias Canetti ein Filmteam nach Marrakesch, der alten Hauptstadt von Marokko. In seinem Buch „Die Stimmen von Marrakesch“ schildert erEindrücke und Erlebnisse, die er bei seinen Wanderungen machte.Er streifte dabei insbesondere durch die Mellah, das traditionelle jüdische Viertel in der Nähe der Altstadt.

Eine besondere Begegnung hat er in einer dicht belebten Gasse, die tiefer in die Mellah hineinführt: „Ein uraltes, völlig verwittertes Weib schlich daher ... Ihre Augen waren starr in die Ferne gerichtet, sie schien genau zu sehen, wohin sie ging. Sie wich niemandem aus ... Sie ging ganz langsam ... Die Furcht, die sie einflößte, war es wohl, die ihr die Kraft zu ihrer Wanderung gab.“ (S. 45)

Erschienen im Carl Hanser Verlag

C

Rosario Castellanos, 1962: Das dunkle Lächeln der Catalina Diaz

Die Verletzlichkeit von Gehenden, insbesondere Frauen, die oft zu Fuß und mit Lasten beladen unterwegs sind, stellt die in Mexiko sehr bekannte Schriftstellerin dar, die selbst aus dem südlichen Bundesstaat Chiapas stammt. Wir erfahren gleich zu Beginn, wie es einer jungen Tzotzilfrau Ende des 19. Jahrhunderts ergeht, die zum Markt in die nächste Stadt unterwegs ist. Zuerst ein Überfall durch Ladinas, mexikanische Frauen, die den Tzotzilfrauen die Waren stehlen wollen. Dann die zweifelhafte Rettung: „Marcela Gomez Oso war eine derer, denen die Flucht gelang.

Mit den hastigen flinken Bewegungen eines an Verfolgung und Gefahr gewöhnten Tieres huschte Marcela durch die kopfsteingepflasterten Gassen von Ciudad Real (heute San Cristobal). Immer noch ihr Bündel geschultert, hielt sie sich strikt in der Straßenmitte, denn ihrer Rasse war es untersagt, den Gehsteig zu benutzen.“ Damit ist das Thema eingeführt: Der aufrechte Gang war damals und teilweise heute noch keine Selbstverständlichkeit, der knappe Platz zugewiesen. Der weitere Erzählverlauf zeigt dramatisch, welche Unmenge an Ballast der Vergangenheit immer noch schwer wiegt.

Aus dem mexikanischen Spanisch übersetzt und auf Deutsch erschienen 1993 im Europaverlag Wien – Zürich

C

Rafael Chirbes, 2013: Am Ufer

Wer zu Fuß geht, kommt auch an nicht so gut einsehbare Orte: Und so entdeckt der seit einem Monat arbeitslose Ahmed auf seinem bis dahin täglichen Spaziergang an der Sumpflagune ein Stück Aas. Wozu es gehört und wie es überhaupt dazu kommt, erfahren wir in einer komplexen Erzählung über das Leben in der heftigen Wirtschaftskrise Spaniens mit Korruption, Bauskandalen und massiver Arbeitslosigkeit in einem kleinen Ort im Süden des Landes.

Aus dem Spanischen übersetzt 2014, Taschenbuchausgabe bei btb

C

Miguel de Cervantes Saavedra: Freunde gewinnen.

Wie ein Drehbuch für einen gewitzten Film Noir im barocken Spanien erscheint diese knappe Erzählung, bei der der knappe Platz auf Straßen tödlich endet: Der zwielichtige Held, der sich als Fremdling aus Polen ausgibt, kommt als Tourist nach Lissabon. Gleich am ersten Abend, zu Fuß auf der Suche nach einer besseren Herberge, kommt er in einer Straße an einer engeren Schmutzecke vorbei. Er wird so heftig von einem Einheimischen angerempelt, dass er sich auf dem Boden abstützen muss. Er zürnt und „vertraut seine Rache dem Schwert an“, der Angreifer fällt zu Boden. Der Fremdling flieht: Er stürzt in das erste herrschaftliche Haus hinein, das er sieht und in dem eine ältere Frau krank im Bett liegt. Sie heißt ihn sich zu verstecken, erfährt kurz darauf durch ihren Diener von der gerade erfolgten Ermordung ihres Sohnes, verleugnet aber anschließend die Anwesenheit des zuvorvon ihr gut versteckten Fremden vor den eintretenden Häschern. Schließlich hilft sie dem Fremdling auch noch ganz praktisch zur Flucht, versorgt ihn mit Geld und ermahnt ihn, sich ruhig zu verhalten. Dieser wischte sein Schwert ab „und ging ruhigen Schrittes weg; eher zufällig gelangte ich auf eine Hauptstraße, wo ich meine Herberge wieder erkannte ...“ (S. 103)

Erstmals 1617 veröffentlicht im Phantasieroman „Los Trabajos de Persilis y Sigismunda“. Aus dem Spanischen übersetzt und bei dtv 1995 erschienen im zweisprachigen Band „Barocke Erzählungen aus Spanien“.

C

Teju Cole, 2011: Open City.

Begegnen wir in diesem Buch dem Flaneur des 21. Jahrhunderts? Es gibt genügend entsprechende Stimmen und tatsächlich liegt dieser Bezug auf der Hand. Doch worum geht es?

Ein junger Mann, Psychiater am Übergang seiner Facharztausbildung zur eigenen Praxis, durchstreift allein und meist am Abend insbesondere Manhattan, aber auch andere Gegenden, manchmal so weit, dass er mit Bahn zurückfahren muss.

Begonnen hat er damit als Ausgleich zur strengen Reglementierung bei der Arbeit, er schätzt die Freiheit bei diesen Gängen und den therapeutischen Wert vom Gehen, den er auch zum Erinnern und Verstehen nutzt. Dabei erlebt er nicht nur angenehme Situationen und hat auch nicht nur angenehme Begegnungen. „Die Fußgängerbrücke war voller Leute. .. Wir marschierten im Gleichschritt, die Pendler in ihrem Schwarz und Grau, ihren hochgezogenen Schultern und hängenden Köpfen, ich mittendrin. ... Wir waren zusammengepfercht, wie Tiere, Schlachtvieh.

Warum war es überhaupt erlaubt, Tiere so zu behandeln?“ (S. 79) Cole erspart uns aber auch nicht die Erfahrungen mit Gewalt – weder als Opfer noch als Täter: So wird der Spazierende in einem New Yorker Park brutal überfallen – von Jungs, mit denen er kurz vorher noch einen Gruß ausgetauscht hat…

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und auf Deutsch erschienen 2013 bei Suhrkamp, Berlin. Taschenbuchausgabe

 Ganz nach oben

Buchstabe D

Sigrid Damm, 2000: Diese Einsamkeit ohne Überfluss

Unweit von Glasgow verbringt die Erzählerin eine längere Auszeit, um an einem anderen Ort eine andere Aufgabe zu übernehmen. Es ist Winterende, der Frühlingsbeginn schon spürbar. Und ihr gefällt die Umgebung, die zu Wanderungen und Erkundungen reizt. So führt eine Bergwanderung im Hochland zum legendären Tal der Tränen. Sie lernt die kleinen Besonderheiten Schottlands kennen - keine Wegmarkierungen, keine Wegweiser. Ihre Wegbegleiterin kommentiert dies nur nebenher: „Wenn alles abgesichert sei, mache es keinen Spaß.“ (S. 94) Also keine ausgeschilderten Wanderpfade, sondern „die Füße den Weg suchen lassen: Von Tieren getretene Pfade, zu übersteigendes Geröll, zu überquerende Wasserläufe, eine ebene Fläche mit Geröll aus rund geschliffenen Steinen: „Beim Weitergehen das dumpfe Rollen der Steine unter unseren Bergschuhen, das Knirschen unserer Schritte. Echo.“ (S. 94) - Der zu erwandernde Weg als das eigentliche Ziel …

Übrigens: Beim Weiterstöbern in ihren Büchern findet sich die Frage „Wohin mit mir“. Darin erzählt sie von einer Süditalienreise und dass sie schon immer nach Italien hätte reisen wollen. Besonders das Wort „Syrakus“ übte seit der Kindheit einen Zauber auf sie aus: Seumes Buch gehörte einfach zum Nachttisch des Vaters, es war sein Lieblingsbuch. (Vgl. S. 225)

Verwendete Buchausgaben vom Suhrkamp Verlag 2000 und Insel Verlag 2012

D

Friedrich Christian Delius, 1995: Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass ein Spaziergang oder eine Wanderung in der Literatur nicht unbedingt zu Fuß erfolgt: Postkutsche, Pferd, Eisenbahn, Auto, Fahrrad, Schlitten - alles kommt vor. Ein Segelboot war aber schon noch eine Überraschung und dies führte auch zu Konsequenzen bei der Streckengestaltung: In diesem Fall lag der Start an der Ostsee. Im Sommer 1988 startete der Kellner und erfahrene Segler Paul Gompitz seine viermonatige Reise von Rostock über Dänemark nach Syrakus auf Sizilien, die - aus Zeitgründen - vorwiegend mit dem Zug erfolgt.

Die Briefe an seine doch sehr überraschte, allerdings vornehmlich verärgerte Ehefrau Helga bilden die Grundlage für die schöne und sehr unterhaltsame Schilderung der Reise, dabei auch der sehr persönlich geprägten Eindrücke des Reisenden. Paul Gompitz liebt Syrakus erst einmal etwas theoretisch als „über Jahrtausende überkommenes Hellas, Griechenland in seiner kulturellen Blüte …“ (S. 125). Doch als er in der für ihn unerträglichen Sommerhitze in den tiefen Gassenschluchten der Altstadt Schatten und Kühlung sucht und findet, fällt ihm vor allem auf, dass die „Häuser alle die Elektroinstallation auf der Außenseite haben“. Diese erscheine ihm zudem unsachgemäß verlegt und überhaupt führe dies zu einem oftmals bösen Aussehen an den Außenwänden. (S. 127) Seine anschließende Klettertour auf Hügel und Serpentinenstraße führt auf einen Berghang, wobei er seine Beobachtung schildert, dass ein „Bediensteter der Stadt“ den Unrat des Wochenendes zusammenkehrte und über den Serpentinenrand in die Felsen entsorgte. (Vgl. S. 129) Eine besondere Enttäuschung stellte für ihn aber dar, dass sein Vorbild Seume in Syrakus nach seinen Erkundigungen wohl völlig unbekannt ist.

Paul Gompitz bereute die Reise trotz verschiedener kleiner Abwege, Umwege, Festnahmen nicht: Wieder zurück zu Hause hat er schon Ideen für eine andere Tour, aber dann zusammen mit Ehefrau Helga.

Verwendete Buchausgabe im Rowohlt Verlag

 

D

Denis Diderot, 1761 - 1776: Rameaus Neffe

„Es mag schön oder häßlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um fünf Uhr abends im Palais Royal spazierenzugehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d'Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. … Wenn es gar zu kalt oder regnerisch ist, flüchte ich mich in das Café de la Regence …“ (S. 175)

Doch einmal trifft er ungewollt auf einen unangenehmen Zeitgenossen, den Neffen von Rameau, den er gar nicht schätzt. Dieser Neffe spricht ihn an und sie kommen wohl oder übel ins Gespräch, das dann schon sehr lehrreich und ausführlich wird …

Aus dem Französischen übersetzt von J. W. Goethe, enthalten in: Diderot: Erzählungen und Gespräche. Verlag Dietrich

D

Alfred Döblin, 1932: Berlin Alexanderplatz

Im Berlin der Zwanziger Jahre wird bei Döblin noch ziemlich viel gelaufen, auch wenn es vor Droschen, Straßenbahnen und Autos schon wimmelt, so dass einem der Kopf schwirrt. Aber das hat auch Vorteile: Kaum aus dem Gefängnis Tegel in die kalte Stadt entlassen, werden Franz Biberkopf auf der Suche nach einem Unterschlupf die ersten Lehren erteilt: „Berlin ist groß. Wo tausend leben, wird noch einer leben.“ (S. 11) Zudem wird seine Stimme gelobt und als gute Verdienstquelle bewertet. Und schließlich wird ihm die Geschichte erzählt von einem Zannowich und dessen Sohn, wie diese aus nichts viel machten, und das nicht aus Klugheit. Denn „die Hauptsache am Menschen sind seine Augen und seine Füße. Man muß die Welt sehen können und zu ihr hingehn.“ (S. 18)

Hilft ihm diese Belehrung? Zumindest kehrt Franz Biberkopf nach jedem Malheur immer wieder nach Berlin zurück, auch wenn er sich manchmal durch die Straßen schleppt und vor dem Tode wegläuft. Er beschnüffelt Straßen, begafft Litfaßsäulen, „zieht durch die Straßen, er trabt seinen Trab und gibt nicht nach und will nichts weiter, als mal ordentlich zu Kraft kommen, stark in den Muskeln … „ (S.211). Er erobert Berlin also aufs Neue, erwandert die Stadt durch die Weinmeisterstraße, Rosenthaler Straße, den Alex, Münzstraße und kommt so auch wieder auf neue Gedanken …

Verwendete Ausgabe: dtv, 1965

D

Hedwig Dohm, 1894: Werde, die du bist

Gleichstellung der Frauen war Hedwig Dohms Lebensthema, seit 1872 trat sie auch publizistisch dafür ein. So schrieb sie die Erzählung von einer Frau, die mehr in der Welt unterwegs sein wollte, als üblich war. Und ihr Ehemann Eduard versprach es ihr.

In ihren späteren Aufzeichnungen schreibt sie dazu: „Bisher hatten wir nur ab und zu in der Nähe von Berlin auf vier Wochen eine Sommerfrische gehabt, in Misdroy oder im Harz, wohin wir regelmäßig das Dienstmädchen mitnahmen, um selbst zu wirtschaften. … Ich hatte immer doppelte Arbeit gehabt. Und wenn nachmittags Spaziergänge unternommen wurden, war ich schon müde und blieb am liebsten zu Haus. Und begleitete ich ab und zu die Meinigen, meine Gedanken blieben doch zurück, bei dem Dienstmädchen, bei dem Abendessen. Auch mußte ich mich anstrengen, mit den Andern Schritt zu halten.“

Nach dem Tod von Eduard jedoch begann sie weite Spaziergänge allein zu machen, im Tiergarten und hin zur Chaussee, die nach Wilmersdorf führt: „Dahin ging ich. Ja freies Feld! Auf der einen Seite grünlich graues Erdreich, mißfarbige Sandflecken, von kurzen Gräsern durchwachsen, ab und zu ein Büschel Kraut oder ein Kieferstrauch, in der Ferne eine Reihe dünner Bäumchen.“

Und sie entschied sich zu reisen. Die kleine Hausfrauenseele loswerden, einen Schimmer erhaschen von der großen Weltseele. Sie bezeichnet es als „ethische Wanderlust“.

„Ganz gewiß, nicht nur auf ferne Länder ist mein Sinn und Sehnen gerichtet, mehr noch, viel mehr auf ferne Gedanken, Gedanken in der Höhe. Ich sehne mich unaussprechlich nach Weisheit, nach reiner Vernunft, nach Erkenntnis. Alle Gedanken möchte ich denken, alle Gefühle fühlen. Und es ist ein Riegel vor meinem Hirn.“

Sie beginnt mit der Nordsee, dann geht es nach Florenz und später nach Capri. Und sie erlebt, wir ihr Kopf frei wird, die Brust weit in der herb kräftigen Luft.

Dass dies irgendwann ein Ende nehmen würde, ist ziemlich klar, aber zumindest sorgte diese Romanheldin bis dahin besser für sich, als es die Gesellschaft um die vorletzte Jahrhundertwende für Frauen vorgesehen hatte.

Enthalten in Gutenberg.spiegel.de

D

Hilde Domin: Rückkehr

Können Füße schüchtern sein? Können sie sich wundern oder eben in Schuhen nicht wundern?

Die Wege bei Hilde Domin zumindest „feierten Wiedersehen mit meinen schüchternen Füßen“. (S.167) Denn Barfüßige hinterlassen keine Spur.

In „Gesammelte Gedichte“ im Fischer Verlag, 1987

 Ganz nach oben

Buchstabe E

C. A. Eastman, 1902: Ohijesa. Jugenderinnerungen eines Sioux Indianers

Es sind Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend, die Eastman erzählt, immer eingebettet in die Sinnbezüge von Erziehung in der Gemeinschaft der Sioux in Nord-Dakota und Minnesota, ergänzt durch die Erzählungen der Älteren. Besondere Bewunderung aller Stammesangehörigen schimmert so für seine Großmutter durch, die um Rat und Beistand in allen Lebensfragen gebeten wurde (vgl. S. 26). Sie wusste sich Respekt zu verschaffen und konnte sich und die Familie verteidigen. So ging sie einmal, als die meisten Männer zur Jagd waren, einem Trupp eines feindlichen Stammes mutig entgegen. „Endlich, nachdem sie bereits ein beträchtliches Stück vorangegangen war, folgten ihr einige Männer. Sie reichte den Fremden beherzt die Hand, ihr Gruß wurde angenommen …“ (S. 27) Tatsächlich blieben sie unbehelligt.

Aus der Überlieferung erfuhr er auch von einer anderen Situation, in der sie sich zu helfen wusste: Während der Mann zur Jagd unterwegs war, entdeckte die Großmutter eine Fußspur in der Nähe ihres einsamen Zeltes und bemerkte, dass die Sohlen nicht von Sioux-Mokassins sein konnten. Also verschanzte sie das Zelt und schützte damit sich und ihre Kinder.

Und in dieser Tradition ging auch Ohijesa, als er schon etwas älter war, mutig und oft allein in die Wälder auf der Jagd nach Vögeln, Kaninchen oder Eichhörnchen. (Vgl. S. 71)

Übersetzt aus dem Englischen im Jahr 1912, die hier verwendete Ausgabe ist 1981 bei Insel als Taschenbuch erschienen.

E

Umberto Eco, 1988: Über Spiegel und andere Phänomene

Hierzulande eher als Autor des Buches „Im Namen der Rose“ bekannt, war Eco als Geisteswissenschaftler ein Könner darin, auch in seinem wissenschaftlichen Arbeiten dem Humor und dem Verwirrspiel einen Raum zu verschaffen. Beliebt sind gerade in Vorlesungen ja Beispiele. An einer Stelle ist es das eines hinkenden Menschen. Er veranschaulicht so - unter Bezug auf Erving Goffmann - eine Vielfalt von Kommunikationssituationen. Dazu erstellt er eine Matrix mit acht Möglichkeiten, aus der zur Anschauung die ersten fünf wiedergegeben werden:

„1. Ich fingiere einen hinkenden Gang, und man erkennt die gewollte Darstellung eines Hinkenden.

2. Ich simuliere und fingiere einen hinkenden Gang, und man hält mich für einen Hinkenden, der ungewollt seinen Defekt verrät.

3. Um einen unliebsamen Begleiter loszuwerden, spiele ich den Erschöpften und hinke müde. Der andere empfängt das Zeichen nicht bewußt, verspürt aber ein Unbehagen und macht sich davon. Später wird ihm klar, daß er ein Zeichen empfangen hat und daß ich es willentlich ausgesandt habe.

4. Gleiche Situation wie eben, nur daß der andere am Ende meint, ich hätte mein Unbehagen ungewollt verraten.

5. Ich gehe mit einem unliebsamen Begleiter und verrate mein Unbehagen ungewollt, indem ich müde hinke. Der andere empfängt das Zeichen und meint, ich hätte es willentlich ausgesandt.“ (S. 67)

Nun warte ich auf eine Möglichkeit, das Verwirrspiel selbst auszuprobieren. Falls von den geneigten Lesenden eine Person damit schon Erfahrungen gemacht hat, bitte berichten!

1987 Übersetzung aus dem Italienischen, hier verwendete Ausgabe von 1990 bei Deutscher Taschenbuch Verlag

E

Jennifer Egan, 2012: Black Box

Unterwegs beim Gehen schreiben, per Twitter geht es. Der Beweis: Jennifer Egan hat den ersten Twitter basierten Roman geschrieben, mit den maximal 140 Zeichen pro Tweet. Diese Tweets sind jeweils zu einer Art Kapitel geordnet.

Die Geschichte ist einfach: Eine Frau soll einen Verbrecher stellen. Am Anfang stehen die Verwandlung der Frau in eine Agentin und ihre Verfolgung des Verbrechers, immer angeleitet von einer unsichtbaren lenkenden Hand.

Die Agentin agiert nach diesen genauen und teils sehr detaillierten, aber selten geschlechtsneutralen Anweisungen und Begleitinformationen, die oft absurd erscheinen:

Da die Agentin weiblich ist und dies auch eine Funktion haben soll, sind die Bekleidungsanweisungen recht genau und reflektiert: „Hochhackige goldene Sandaletten können beim Laufen und Rennen sehr hinderlich sein, sehen aber an gebräunten Füßen verdammt gut aus.“ (S. 29)

Grundsätzliche Einweisungen und Regeln sind:

„Zu wissen, auf welchem Längen- und Breitengrad man sich befindet, ist nicht dasselbe, wie zu wissen, wo man ist. …

Mach aber auf keinen Fall die Augen zu, wenn du im Dunkeln über einen steinigen Pfad hinaufgehst.“ … Und später:

„Auf Länge X, Breite Y ist die Vegetation trocken und knistert unter deinen Füßen.“ (Alles S. 43)

Einige für alle Wandernden nützliche Informationen erfolgen, so die Warnung davor, blind und in hochhackigen Schuhen über einen unbefestigten Weg zu rennen - da sei Straucheln oder ein Sturz möglich.

Als die Agentin schließlich in Gefahr gerät, gibt es angemessene Anweisungen, wie zum Beispiel den eigenen Körper noch vor dem sie verfolgenden Hubschrauber zu erreichen. Wieder von zehn bis eins zählen: „Bei acht solltest du deinem Körper so nah sein, dass du deine nackten, schmutzigen Füße sehen kannst …“ (S. 88)

Eine Art Textcomic nicht nur für Twitternde - diese sind schon auf andere Art eingebunden in die Story.^

Gebündelt erschienen die Tweets erstmals im Juni 2012 im New Yorker. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Walitzek und als Buch veröffentlicht von Schöffling & Co., Frankfurt am Main http://jenniferegan.com

E

Joseph Freiherr von Eichendorff, 1826: Aus dem Leben eines Taugenichts

Ein Zufallsfund war der Text von Petra Kipphoff über Eichendorff und seinen Taugenichts: Dank ihrer Einschätzung, der ‚Taugenichts‘ sei „die erste Gammlergeschichte der deutschen Literatur“ war es leicht, auch mal wieder einen Text aus der Romantik zu lesen. Außerdem stehe im Mittelpunkt die Natur, deren Geräusche und Bewegungen aufmerksam beobachtet worden seien (vgl. S.187).

Wer diese Novelle nicht kennen sollte: Es geht um ein Verwirrspiel aus Liebe, mit Geige und einem nichts ahnenden, sehr jungen Geigenspieler, der tatsächlich losgeht, die Welt zu sehen oder zumindest Italien. Wie erfahrene Wanderer wissen, ist eine gute Vorbereitung der Reise unabdingbar, zumindest sinnvoll. Es ist auch nicht klar, ob der junge Held vorher wenigstens schon Seumes Reisebericht gelesen hatte.

Unser junger Taugenichts bereitet nicht viel vor: „Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war ringsumher kein Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen können, und nicht weit von mir teilte sich die Landstraße in viele neue Landstraßen, die gingen weit, weit über die höchsten Berge fort, als führten sie aus der Welt hinaus, so daß mir ordentlich schwindelte, wenn ich recht hinsah. In solchen Gedanken ging ich rasch fort und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf, und ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fußsteig vor mir. Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber war es recht anmutig zu gehen, die Wipfel der Bäume rauschten, und die Vögel sangen sehr schön.

Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor und ich so ganz allein darin, daß ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.“

Trotzdem geht er weiter und spielt dabei auf seiner Geige, dem einzigen „Gepäckstück“: „Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen.“ (3. Kapitel)

Er irrte also herum und wie es weiterging ist im 3. Kapitel bei Gutenberg.Spiegel nachzulesen …

Enthalten in der Sammlung Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de Der Text von Petra Kipphoff befindet sich im Sammelband: Zeit-Bibliothek der 100 Bücher, 1980, S.189

E

Lauren Elkin, 2016: Flaneuse. Women walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London

Flaneuse als weibliche Form zum Flaneur war mir sofort eine Ohrenfreude. So einfach diese zu bilden ist, so gerechtfertigt wird von Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaftlerinnen darauf hingewiesen, dass das Flanieren im realen Leben und der Forschung in der Regel auf Männer bezogen war und als eine männliche Freiheit galt. Es wurde deshalb auch keine weibliche Bezeichnung verwendet. Das Flanieren war ein Privileg der Männer, die nur gute Beine, gute Ohren und gute Augen benötigten, als physische Ausstattung, um zum Klub der Flaneure gehören zu können. (Vgl. S. 19)

Natürlich gab es immer auch Frauen, die sich trotzdem und oft allein auf den Weg machten, auch als dies noch ausgeschlossen oder sogar verrufen schien.

Trotzdem gab es natürlich auch bei Frauen den Wunsch nach selbstbestimmtem Gehen oder Flanieren. Dazu hat die Autorin, die darüber schreibt, dass und wie und wo sie flaniert, eine Menge Argumente gesammelt wie zum Beispiel:

„I walk because I like it. I like the rhythm of it, my shadow always a little ahead of me in the pavement. I like been able to stop when I like, to lean against a building and make a note …“ S. 21

L. Elkin kennt jede Menge Gründe für das Flanieren oder Gehen auf Straßen in der Stadt. Es sind sinnliche Aspekte, wie das Abgehen und damit Fühlen von Straßen und Wegen mit den Füßen, so dass diese vertrauter werden. Übergänge oder Verbindungen zwischen Stadtteilen sind so leichter zu entdecken, die Stadt wird zu einem Ganzen, aber auch Grenzen werden sichtbarer. Manchmal hilft ihr das Gehen beim Denken, und manchmal geht sie „because it confers - or restores - a feeling of placeness“. (S. 22)

Das Gehen hilft gerade in fremden Städten, anzukommen und sich heimisch zu fühlen. Auch die Vergangenheit wird fassbarer: „You walk in the city side by side with the living and the dead.“ (S.22)

Durch verschiedene Städte und Stadtteile führt die Autorin, erzählt von flanierenden und schreibenden Frauen (wie beispielsweise Jean Rhys, Virginia Woolf, George Sand) und Männern (wie Ford Maddox Ford). Besonders beeindruckt ist sie von Virginia Woolf, die im London um 1830 den Begriff des „Street haunting“ einführte. Im Paris des gleichen Jahrhunderts steht George Sand als Vertreterin des Schreibens und Durch-die-Stadt-Gehens im Mittelpunkt, dafür bekannt zum Gehen Männerkleidung zu bevorzugen.

Nur Tokyo fällt aus der Reihe der zu ebener Erde begehbaren Städte, für das Gehen in dieser Stadt entwickelt die Autorin nach und nach andere Strategien …

Verwendete englische Ausgabe: Taschenbuch bei Vintage 2017 (leider bisher in Berlin nur in einer Buchhandlung vorrätig und bisher auch keine deutsche Übersetzung)

E

Elke Erb, 2000: Orientierung

Räumliche Orientierung mitsamt Erinnerung ist ein wichtiges Thema beim Gehen - vor allem, wenn diese nicht unbedingt zuverlässig ist. Individuelle physiologische Ausstattung, Übung und Hilfsmittel führen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen und vor allem zum Suchen, immer wieder im Plan nachschlagen oder eine App nutzen oder sich vielleicht noch in Diskussionen verheddern.

Auch bei altbekannten Orten ist es ein Thema, denn diese sind meist mit vertrautem Geschehen und Handeln verbunden. Bilder von vormals vertrauten Gegenden und Gegenständen tauchen auf, wir rücken sie im Kopf hin und her, ob zu mehreren oder alleine. Und dann laufen Filmbruchstücke im Kopf oder in den Köpfen ab:

„Sehe mich gehen und da
Sehe mich gehen mit einem Eimer und da
Sehe mich über den Hof gehen mit einem Eimer und
habe den Stall im Rücken.“

Und wenn sich langsam alle Anwesenden anfangen zu erinnern, kann es ein schönes Raten oder Debattieren oder Streiten oder sich Einigen geben, das möglicherweise zu einer Klärung führt.

Verwendete Quelle: Einige Zeilen aus: Elke Erb, Sachverstand. Die hier verwendete Fassung stammt von der Webseite www.engeler.de, letztes Zugriffsdatum 15. März 2018

E

Jenny Erpenbeck, 2015: Gehen, ging, gegangen

Ein Berliner Altphilologe im Ruhestand, Richard, macht sich vom ruhigen Stadtrand auf nach Berlin Mitte, um mehr über den Stand der Ausgrabungen am Roten Rathaus zu erfahren. Zur gleichen Zeit versammeln sich dort Flüchtlinge vom besetzten Oranienplatz in Kreuzberg, die in einen Hungerstreik getreten sind und nun vor dem Rathaus ihre Forderungen vorbringen. Obwohl Richard sich ganz nah bei dieser Kundgebung aufgehalten hatte, erkannte er das zufällige Zusammentreffen erst über die Nachrichtensendung zu Hause. Ihn berührt diese Gleichzeitigkeit und auch sein Nichtsehen. Am nächsten Tag sucht er den Oranienplatz auf.

So, wie er sich mit alten Texten und grammatischen Strukturen beschäftigt, rollt er nun langsam und systematisch die individuellen Geschichten einzelner Flüchtlinge auf, lernt sie nach und nach kennen, sucht Wege, wie er Unterstützung und Halt geben kann. Systematisch informiert er sich über die Herkunftsländer, sucht die Jungs und Männer in ihren wechselnden Unterkünften auf und hört genau hin. Mal unterrichtet er Deutsch oder auch Klavier, mal nimmt er Kontakt zu anderen Helfenden auf, erkundet ihm sinnvoll erscheinende, individuelle Formen der Unterstützung - auch wenn diese schon mal Gesetzesgrenzen überschreiten oder auch sein Vertrauen missbraucht wird.

Vor allem hört er sich immer wieder die Geschichten der Flüchtlinge an: „Wie bist du nach Libyen gegangen? fragt er Ithemba, der neben ihm steht … Über die algerische Grenze, drei Tage zu Fuß durch eine steinige Wüste. Manche haben sich einfach niedergelegt und konnten nicht mehr. Man lässt sie zurück. Man geht weiter. Was soll man machen?“ … (S. 298)

Zum Glück ist Richard rein berufsmäßig analyse- und lernfähig, lässt sich von absurden oder brutal anmutenden Verwaltungsentscheidungen nicht in seinem Unterstützungshandeln abhalten. Er lernt dagegen neu, welche unbürokratischen Abläufe den Flüchtlingen bekannt sind und zur Verfügung stehen.

Er findet in seinem Umfeld schließlich Mitstreitende und schafft es für erstaunlich viele der Flüchtlinge, dass das Gehen auch mal zu einem Ankommen werden kann. Seine Nachbarn, Freunde und Freundinnen und sogar sein Haus mitsamt Einrichtung stellen sich im Notfall als erstaunlich kooperativ und wandlungsfähig heraus …

Verwendete Ausgabe: Penguin Verlag 2017

E

Cesária Évora, 1997: Herzklopfen und Singen

Ein guter Anlass ihre wunderschöne Stimme wieder einmal zu hören und diese als Hintergrundmusik laufen zu lassen. Dabei ihre Geschichte über ihr Aufwachsen in den Kapverden lesen.

Cesária übernahm zunehmende Eigenregie in ihrem Leben. Früh verließ sie mit Hilfe der Großmutter das katholisch geführte Waisenhaus, in dem sie nach dem Tod des Vaters untergebracht war, weil ihre Mutter arbeiten musste.

Später, auf ihren jugendlichen nächtlichen Touren durch Mindelo auf Sáo Vicente wurde Cesárias Stimme entdeckt und sie begann tatsächlich zu singen und Geld damit zu verdienen.

Nur die schicken Orte der Reichen mied sie immer, beispielsweise die Clubs oder den großen Platz im Zentrum. Solche Orte bedeuteten ihr nichts. Sie erklärte dies damit, dass sie in der Kolonialzeit dort nicht barfuß gehen durften: „Wer keine Schuhe hatte, musste auf der Straße bleiben; wer welche hatte, durfte auf dem Trottoir gehen. Ich bin also einfach woanders hingegangen. Auf dem Platz hatte ich nichts verloren.“ (S. 91)

Quelle: Auf Französisch erschienen in „Cesária Évora: La voix du Cap-Vert, Arles. Übersetzung ins Deutsche in der Zeitschrift Lettre International 97, 2012

Ganz nach oben

Buchstabe F

F

Milena Michiko Flasar, 2018: Herr Kato spielt Familie

In einer kleinen Stadt in Japan, ein Ehepaar - die Ehefrau neuerdings mit RHS (Retired Husband Syndrom) und der Ehemann damit beschäftigt, das über ihn gekommene Rentnerdasein zu gestalten. Er probiert manches, beispielsweise müßig spazieren zu gehen, „einfach so, um des Gehens willen - hat er probiert, kann er nicht.“ (S. 9) Da stören plötzlich die Hände, weil in Jackentaschen stecken oder herunterbaumeln lassen keine Option sind, da kommen sofort Assoziationen wie Schule schwänzen oder Affe, der davonläuft.

Aber trotzdem geht er raus und nennt es laufen, was er da so tut. Und dass er es tut, darauf achtet seine Frau schon. Aber immerhin erkennt er, dass Umwege und andere Wege interessant sind, dass „man den Mut haben sollte, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und sich auf neue zu begeben, mit dem Gefühl ein Entdecker zu sein“ (S.14). Ja, er nimmt seine Umgebung auf einmal anders wahr, schaut genauer, läuft sogar mit dem rosa Luftballon herum, der ihm bei einer Werbeaktion in die Hand gedrückt wird.

Und sein Vorhaben gelingt - schneller und ziemlich anders, als er (und die Lesenden) das hätten vermuten können. Aber er will ja ein Entdecker sein. Und da kommt auch schon das erstaunliche Jobangebot, das er nicht ausschlagen kann und das einiges in seinem Leben umzukrempeln beginnt Eine vergnügliche Tour, die immer wieder mitten ins Leben trifft …

Und ein schön geschriebener kleiner Roman.

Erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

F

Gustave Flaubert, 1847: Reiseblätter

Über Feld und Strand geht es in Kapitel V. seiner Reisebilder (also dem dritten Kapitel, da der mitwandernde Freund die Kapitel mit den geraden Zahlen nicht geliefert hatte).

Die dreimonatige Wanderung der beiden Freunde beginnt in Carnac, im äußersten Westen der Bretagne und führt bis Combourg (zwischen St. Malo und Rennes). Die plastische Schilderung ist nicht nur recht genau und anschaulich, sondern auch ,feinsprachlich’ ein Genuss. Es entstehen immer wieder ausdrucksstarke Bilder und sogar Bildfolgen im Kopf, die denen der damaligen Wirklichkeit oder dem Gesehenem bestimmt gleichen. Diese plastische Beschreibung bleibt - zumindest bei mir - besser in Erinnerung als die auch interessanten Informationen zu den Lebenden und Toten und den Gebäuden und Erinnerungen der Gegend.

Meist gehen die beiden tatsächlich zu Fuß, nur manchmal benötigen sie Boot oder Postkutsche. Die Neugier bei einem neu gehörten Namen führte wieder zu neuen Entdeckungen, besonders wenn sie gern mal auf Auskunft oder Führung verzichteten. Dann begannen die beiden einfach mit einem Pfad im Gras und folgten ihm: Stiegen auf die Klippe und bis auf die Spitze und dann wieder ins Land hinein. „Sobald für unsere Füße Platz war, sprangen wir über die Felsen und setzten unseren Weg fort.“ Gleichgültig ob die Steine und Felsen übereinander gerüttelt lagen, gehäuft und geschleudert. „Wir klammerten uns mit den abgleitenden Händen an, und mit den Füßen, die sich vergebens an ihre klebrig rauhen Flächen anschmiegten.“ Später krochen sie über die Felsen weiter und schließlich suchten sie nur noch einen Ausgang …

Doch sie halten durch, denn sie sehen es immer als „ein Vergnügen, selbst wenn das Land hässlich ist, zu zweit quer hindurchzuziehen, indem man auf dem Grase geht, durch Hecken kriecht, über Gräben springt, mit seinem Stock die Disteln köpft und mit der Hand Blätter und Ähren abreißt, indem man aufs Geratewohl hinläuft, wie einen der Gedanke treibt, wie einen die Füße tragen (….), ohne das Geräusch von Schritten hinter seinen Schritten, frei wie in der Wüste“.

Dass sie durchhalten bis Combourg ist klar, denn sobald die Sonne glänzt und der Himmel blau ist, fühlen sie „in den Füßen die Lust, auf dem Grase zu gehen“ (Beginn von Kapitel IX).

Hier verwendet: Gutenberg Projekt, Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche von F.P. Grove, erschienen 1906

F

David Foenkinos, 2014: Charlotte

Ist es eine novellenartige Biografie in der Form eines langen Poems oder eine Prosaballade? Das Lesen allein tut jedenfalls schon wohl, die Länge der Sätze und Zeilen lassen Luft zum Atmen und der Text ist frei von Überflüssigem. Ich glaube es sofort, dass Foenkinos in einem Gespräch mit El País sagt, dass er sich Charlotte auf immer verbunden fühle (vgl. Interview in El País vom 23. Juni 2015). Diese Begeisterung sei schon entstanden, als er um das Jahr 2000 eine erste Ausstellung von ihren Bildern in Berlin sehen konnte.

Die junge Kunststudentin Charlotte Salomon aus Berlin flieht auf Drängen der Eltern 1938 zu ihren Großeltern in einen kleinen Ort bei Nizza. Zusammen leben sie dort zurückgezogen und unauffällig. Charlotte kümmert sich um die Großeltern und malt, einige Bilder werden von einer Freundin der Familie gekauft. 1940 wird sie wie viele Flüchtlinge in ein Lager in den Pyrenäen eingewiesen. Sie kann zurückkehren und beginnt nun wieder zu malen, immer intensiver. Sie erlebt ein kleines Wunder, als sie im Sommer 1942 zur Präfektur in Nizza bestellt wird, wahrscheinlich um wieder in ein Lager gebracht zu werden. Sie steigt in den Transportbus ein, setzt sich und wird bald von einem Polizisten aufgefordert mitzukommen (vgl. S.194) …

Nach erstem Schrecken begreift sie die menschliche Geste und läuft wieder einmal um ihr Leben …

Erschienen 2014 bei Editions Gallimard, Paris und 2015 in deutscher Übersetzung bei der Deutschen-Verlags-Anstalt, hier verwendete Ausgabe das Taschenbuch im Penguin Verlag.

F

Theodor Fontane: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Günter de Bruyn.

In einer ganz frischen kommentierten Ausgabe des Fontaneexperten Günter de Bruyn hoffe ich Genaueres über die Wandergepflogenheiten von Fontane zu erfahren: Denn inzwischen habe ich gelernt, dass Wandern nicht immer zu Fuß erfolgt. Und tatsächlich finden sich gleich zu Beginn in der Schilderung von Fontanes Wanderung durch die Ruppiner Schweiz Hinweise darauf, dass er nicht nur zu Fuß unterwegs war und warum nicht.

Doch ab und zu steigt er aus. In dieser Schweiz gibt es zwar auch kleine Erhöhungen - aber vor allem Wasser und Fließe, Flüsse und Seen. Obwohl immer nur wenige Menschen in dieser Gegend wohnten, so gibt es doch seit mehreren hundert Jahren kleine Dörfer, die teilweise merklich gewachsen sind, teilweise aber auch wieder verschwanden wie in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Zuerst weckt das (heute) nur eine Fußstunde von Neuruppin entfernte Dorf Molchow seine Aufmerksamkeit - mit einem Findling auf dem kleinen Dorfplatz, ziemlich nah am Ostufer des Sees. Dort steht auch heute noch ein mit Brettern verschalter und inzwischen restaurierter Glockenturm.

Es zieht ihn bald weiter nach Stendenitz, entstanden als Ansiedlung von einigen Büdnern. Um sich zu überzeugen, wie wenige Menschen hier leben und gelebt haben, besucht er den kleinen Friedhof, der immer noch besteht.

Die etwas weiteren Wege wie beispielsweise die rund fünf weiteren Kilometer nach Zermützel und dann den längeren Weg nach Tornow legt Fontane allerdings mit einer Kutsche zurück.

Allerdings gab es zu damaliger Zeit noch keine Gästeunterkünfte, wie diese heute in Molchow, Stendenitz, Altruppin und andernorts existieren.

Zu Fuß zu gehen ist also nicht das Hauptanliegen. Dafür aber breitet Fontane seine vielfältigen und umfassenden Kenntnisse über die Geschichte und die Geschichten der Ruppiner Schweiz aus. Das tut er sehr kenntnisreich, sehr gut ergänzt durch die Anmerkungen von De Bruyn.

Erschienen 2017 im Fischer Verlag, basierend auf der Ausgabe von 1861, zu der Fontane das Vorwort geschrieben hatte.

F

Françoise Frenkel, 1945: Nichts um sein Haupt zu betten

Und wieder ein Buch, das zufällig entdeckt wurde: Vor einigen Jahren fand sich auf einem Trödelmarkt in Nizza zufällig ein Buch mit einem Bericht der Berliner Buchhändlerin Frenkel über ihre mehrjährige Flucht von Deutschland zur Zeit Hitlers zuerst nach Frankreich und schließlich durch die Savoyer Alpen in die Schweiz. Ungefähr 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen konnte dieses Werk neu aufgelegt werden und 2015 auch auf Deutsch erscheinen.

Es wurde eine vierjährige Flucht, die im Sommer 1939 für die Autorin begann. Mit Zug, Bussen, Autos von Freunden, im Gefangenentransport oder mit dem Taxi - und natürlich auch zu Fuß. Schließlich und nach einigem Üben in Holzpantinen und mit Kopftuch wie eine Bäuerin mit kräftigem Schritt. Angenehme Phasen mit Aufenthalten in kleinen Hotels oder Privatunterkünften in Urlaubsorten zu Anfang wechseln sich ab mit Schutz im Kloster, Fluchtversuchen und Gefängnisaufenthalt.

Sie lernt viele Menschen kennen, die ihr helfen und sich ihretwegen in Gefahr begeben. Aber auch immer wieder welche, die sie verraten oder ausnutzen. Auch als ihre Kräfte nachlassen und die Gefahr entdeckt zu werden immer größer wird, gibt sie nicht auf, in die Sicherheit der Schweiz zu entkommen. Und dazu muss sie schließlich auch allein zu Fuß und in Pantinen durch die Berge wandern, schließlich über den Stacheldraht die von Soldaten bewachte Grenze überwinden. Denn „die Gittertür in der Grenze klemmte wirklich“ … (S. 248)

Erschienen 2015 bei Gallimard, Paris und in deutscher Übersetzung von Elisabeth Edel 2016 bei Hanser.

F

Silvia Furtwängler, 2017: Auf Hannibals Fährte. Eine Frau, ein Hund, keine Elefanten.

Die begeisterte Schlittenhundsportlerin und Fährtensucherin macht sich - mit Hündin und Scout - auf die Suche nach dem Weg, den Hannibal durch die Alpen genommen haben könnte. Wie war das wirklich mit den Elefanten und wo genau ist Hannibal entlang gegangen, wo gibt es eigentlich Spuren von ihm und seinem so großen Heer? Aufmerksam wurde die Autorin durch eine Nachricht zu Pferdedung in den Alpen, für dessen Fundstelle merkwürdige Koordinaten angegeben waren …

Sie ist sofort Feuer und Flamme und begibt sich auf die Suche: Im Hochsommer und in Frankreich, wo Fußgänger auf den Straßen nichts zu lachen haben und Wanderwege sehr rar sind. Selbst auf Landstraßen abseits der Hauptstraße ist es stellenweise so eng, dass die Autos die zu Fuß Gehende fast „erwischen“ würden (Vgl. S. 74). Sie erlebt französische Autofahrer als rücksichtslos.

Als es unerträglich wird, fährt der extra engagierte Scout sie und ihre Hündin in eine sicherere Gegend, in der es auch Feldwege gibt. Endlich kann die hyperaktive Hündin wieder von der Leine, die Expeditionsleiterin kann querfeldein stapfen, dabei die grandiose Landschaft bewundern und die Wege genießen. Nur das Wasser fehlt ihr. (Vgl. S. 93) Das führt sofort zu der relevanten Frage, wie Hannibal dies wohl gemacht hatte bzw hätte. Die Wasserversorgung für Tiere und Menschen musste ja bei einer Alpenüberquerung gesichert sein. Und diese eigene Erfahrung des Wassermangels hilft ihr auf die Sprünge bei der Suche nach dem tatsächlichen Weg oder zumindest bei der Sammlung von Ausschlusskriterien. Ist möglicherweise ein Teil der Fährte aufgrund der Landschaftsumgestaltung gar nicht mehr kenntlich? Hat sie ein Stück der tatsächlichen Strecke dann doch entdeckt?

Erschienen als rororo Taschenbuch

Ganz nach oben

Buchstabe G

G

Natalia Ginzburg, 1962: Die kleinen Tugenden. Essays

Gehen gehört bei Natalia Ginzburg wesentlich zum Leben und ist somit auch in ihren Texten ein Thema - so in der Erzählung „Die Straße zur Stadt“ oder in dem Essay „Winter in Abruzzen“, in dem sie Spaziergänge in den Bergen schildert, die sie während der gemeinsamen Verbannung mit ihrem Ehemann Leone Ginzburg gemacht hatte, bevor dieser 1944 in einem römischen Gefängnis von deutschen Soldaten hingerichtet wurde.

Natalia Ginzburg hangelt sich nun durch, arbeitet beim Einaudi Verlag, während ihre Kinder bei der Großmutter aufwachsen. Zeit- und Geldknappheit kennzeichnet ihr Leben. Das bringt der kurze Essay „Die kaputten Schuhe“ (S. 485 - 488) anschaulich zum Ausdruck.

Sie findet es angenehm, dass sie nicht als einzige mit kaputten Schuhe herumläuft, auch eine Freundin, mit der sie seit einigen Monaten zusammenlebt, kennt diese Situation. Mit ihr kann sie von feinen Schuhen träumen und über die kaputten Schuhe reden. Bis sie einmal reich wäre, lebt sie aber mit ihren Schuhen, denn wie sollte sie diese zum Schuster bringen, sie hätte ja dann für einige Tage gar keine Schuhe.

Auch als es regnete und zu spüren war, „wie sie langsam aus dem Leim gingen, wie sie weich wurden und ihre Form verloren, und ich spürte die Kälte des Pflasters unter meinen Fußsohlen“. (S.485)

Übersetzung aus dem Italienischen 1984 für Rütten und Loening (2016 bei Wagenbach neu aufgelegt)

G

Johann Wolfgang Goethe, 1821: Wilhelm Meisters Wanderjahre - Die pilgernde Törin

Schon bei einem seiner ersten Zwischenhalte wird dem wandernden Held Wilhelm Meister nicht nur großzügige Unterkunft gegeben, sondern von der Tochter des Hauses auch eine Erzählung über eine „pilgernde Törin“ zur Lektüre angetragen. Darin wird der reiche Privatmann Herr von Revanne, der gerne allein mit Buch und Flinte durch seine Ländereien spaziert, von einem schönen Frauenzimmer überrascht, das dann noch zu seinem größeren Erstaunen kein Gefolge hatte. Besonders fiel ihm an ihr auf, dass die Schuhe zwar „ganz bestaubt“ waren, und somit auf einen langen zurückgelegten Weg deuteten, aber die seidenen Strümpfe blank und glatt. Auch das Kleid war nicht zerdrückt, ihre Locken frisch gedreht. Bei dieser aufmerksamen Betrachtung deutete nichts auf eine Landstreicherin hin.

Die junge Wandernde erklärte ihm „mit edlem Tone“, sie könne es einem Ehrenmanne (…) nicht verdenken, wenn er ein junges Mädchen, das er allein auf der Landstraße treffe, einigermaßen verdächtig halte: ihr sei das schon öfter entgegen gewesen (…) Sie habe gefunden, daß die Gefahren, die man für ihr Geschlecht befürchte, nur eingebildet seien und daß die Ehre eines Weibes, selbst unter Straßenräubern, nur bei Schwäche des Herzens und der Grundsätze Gefahr laufe “ (S. 55).

Auch bei später angestellten Nachforschungen konnten Herkunft und Aufenthalt dieser Wandernden nicht ermittelt werden. Da blieb nur die Frage, ob sie ein Dämon oder ein Engel war …
Und was hat Wilhelm aus dieser Geschichte gelernt?

Erstausgabe 1821, 1829 die vollständige Ausgabe; hier verwendet Insel Taschenbuch 575 von 1982

G

Erving Goffman, 1971: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung.

In seiner Erforschung von Interaktionsverhalten beschäftigt sich der Soziologe im Kapitel zum Natürlichen Verhalten auch mit dem Gehen. Ihn interessieren Formen von Selbstdarstellung je nach den unterschiedlichen Verhältnissen. So ist die Annahme, dass eine Person wahrscheinlich Ruhe und Ungezwungenheit ausstrahle, wenn sie normale Verhältnisse spürt. „Wenn sich aber bei ihr das Gefühl einstellt, es seit etwas im Gange (oder könnte es sein), kann sie es für das beste halten, zu zeigen, daß sie mißtrauisch ist, um die potentiellen Handlungen derjenigen zu verhindern, denen sie mißtraut …“ (S. 355)

Dies sieht er als Merkmal auch für gewöhnliches Gehen, das unter Umständen vorgetäuscht werden müsse, „vor allem von jener Hälfte unserer Bevölkerung, deren Erscheinung von allen beachtet und von einigen ausgekostet wird. Und dann folgt bei ihm das längere Zitat aus einem Text von Meredith Tax von 1970 mit dem Titel „The Woman and Her Mind: The Story of Everyday Life“ :

,Eine junge Frau geht in der Stadt eine Straße entlang (…) Sie geht an einer Gruppe von Bauarbeitern vorbei, die in einer langen Reihe am Straßenrand sitzen und Mittagspause machen. Ihr Gesicht verzerrt sich zu einer Grimasse aus Selbstbeherrschung und gespielter Unbeteiligtheit. Ihr Gang und ihre Haltung werden steif und dehumanisiert … „ (S. 358)

Übersetzung aus dem Englischen, 1982 verlegt bei Suhrkamp in der Reihe stw

G

Max Goldt, 2009: Ein Buch namens Zimbo

Auch professionelle Schriftsteller vertreiben sich die Zeit noch mit Üben - beispielsweise auf Zugfahrten. Und da die Lesenden sicher wissen wollen, wie das so vor sich geht und wozu das führt, hier einige Notizen:

Zuerst lautlich passende Begriffe finden zu King Kong und diese in eine Story verbinden, auch wenn es nicht passt. (Dem Zeichnerkollegen gefiel das erste Ergebnis nicht, deshalb auch seine Weigerung dies zu zeichnen.)

Interessant an dieser Stelle ist aber, dass Goldts verkleinerter King Kong spazierte und zwar auf einer x-beliebigen Stadtstraße. Er trug natürlich die lautlich passenden Flip Flops und musste deshalb auch keine Treppen steigen. Somit endete die Unternehmung schon auf einer Schankterrasse, auf der King Kong dem erstbesten der Bier trinkenden Gäste höflich seine lautlich nicht ganz passenden Tic-Tacs anbot.

Auch für den Autor war es nun an der Zeit einzusehen, dass eine Zeichnung dieser Situation sich nicht gelohnt hätte, aber wenigstens hat er auf sieben!!! Seiten recht unterhaltsam davon erzählen können.

Verwendete Ausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2011

G

Nadine Gordimer, 1981: Julys Leute

Die südafrikanische Autorin (und Nobelpreisträgerin) bearbeitete immer wieder das Thema, wie Menschen verschiedener Hautfarben gleichberechtigt zusammenleben können und wie vor allem die „Rassentrennung“ in Südafrika aufzuheben sei. Ihr Beitrag ist schwer zu messen, aber sicher von großer Bedeutung.

Ein erstaunliches Setting gestaltet sie in der Geschichte einer jungen Mittelstandsfamilie, die in der Zeit großer Unruhen in Johannesburg und Soweto von ihrem „Boy“ eingeladen wird, sich in seinem Dorf in Sicherheit zu bringen. Gemeinsam fahren sie die 600 km im Familienauto und der Retter schafft Unterschlupf in der Hütte seiner Großmutter. Was ist er nun für die Familie? Was sehen die verschiedenen Dorfbewohner in der Familie? Auf welche Lebensbedingungen lassen sich die Eltern und zwei Kinder ein in einem Dorf im Busch? Doch vor allem: Wieviel Apartheid-Ideologie schleppen die einzelnen Personen schon mit sich herum und wie können sie sich davon befreien? So mussten sie schnell akzeptieren, dass sie nicht hinauswandern konnten in die Grenzenlosigkeit, höchstens zum Fluss. (Vgl. S. 39) Und es dauerte länger, bis es dazu kam, ihn dann doch noch zu durchqueren, und zwar so, wie sie es im Dorf kennen gelernt hatten … (vgl. S. 206 f)

Aus dem Englischen von Margaret Carroux, erschienen 1982 im S. Fischer Verlag

G

Sara Gran, 2011: Die Stadt der Toten

Eintauchen in New Orleans nach der Katastrophe, die der Hurrikan im Jahr 2005 im Süden der USA auslöste. Spuren der Verwüstung sind auch nach einem Jahr noch vielerorts sichtbar und auf vielfältige Weise erlebbar. Das sieht und spürt die Detektivin Sara Gran sofort, als sie mit der Suche nach einem Staatsanwalt und der Aufklärung seines Verschwindens beauftragt wird. Sie hatte schon einmal einige Jahre in der Stadt gelebt, kannte sich also aus und wusste, wie die Leute und das Leben dort so sind. Das erste ist die allgemeine Korruption, die Aufteilung der Stadt auf Leute wie Donald Trump (vgl. S. 151). Schon beim Lesen fällt zudem auf, dass ständig zu große Autos gefahren werden und dass sie viel zu häufig gekauft, zu Schrott gefahren und gestohlen werden.

Sara kennt ihren Job, sie hat noch Kontakte in der Stadt und sie stützt sich auf die unsichtbare Anleitung durch ihre Vorbilder bei der Aufklärung seltsamer Fälle. So stößt sie bald auf Jugendliche, die eben immer irgendwo rumstehen, in Autos oder auch im Gefängnis rumsitzen.

Zuerst aber erkundet die Detektivin die Stadt (ungefähr so groß wie ein Berliner Bezirk): Sie „spazierte eine lange Straße entlang, die einmal in einer Stadt gelegen hatte. Nun war sie menschenleer und von weißer Asche und krustigem, grauen Schlamm bedeckt. Am Straßenrand welkten braune Pflanzen vor sich hin. Still und kaputt ragten rechts und links der Straße Häuserruinen und Autowracks empor. Die Luft roch widerlich und süßlich nach Verwesung …“ (S. 77)

Auf dem Amerikanischen von Eva Bonné, 2012 erschienen bei Droemer

G

Günter Grass: Mein Schuh

Auch Grass schreibt über einen Schuh. Dieser erscheint ihm widerborstig, er läuft sogar davon und dann wieder in die Gegenrichtung; dabei trifft er auf die Mütze - offensichtlich auch nicht an der richtigen Stelle. Sein Schuh scheint ihm eindeutig informativer zu sein, denn er kann seiner Sohle einiges ablesen - das ist ganz gut vorstellbar, was sich dort nach einem längeren Gang alles an Informationen angesammelt hat.
Zudem erinnert er sich, dass er knarrte.
Sein Schuh ist nicht aus irgendeinem Leder, das ist von Bedeutung, wenn das Schwein und sein Leder zusammen gelaufen kommen …

In: Werkausgabe in 10 Bänden, Gedichte und Kurzprosa, 1987 erschienen bei Luchterhand. S. 224

G

Dana Grigorcea, 2015: Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

Ein ständiges Gehen und Kommen, ein Stehen vor verschlossenen Türen und das Fahren mit überfüllten Bussen ohne Fahrschein. Erinnerungen und Gegenwart vermischen sich, gehen ineinander über. Es wird deutlich, dass es um Bukarest und das alte und neue Leben dort geht. Und das Kennzeichen ist, dass da einiges nicht so klappt, aber dass es allemal jederzeit fürs Reden, Rumfahren oder Anfangen, Vergnügen und Genießen reicht.

Die beurlaubte Ich-Erzählerin darf nun ihre Stadt wieder mehr kennen lernen und genießen. Und sie darf mit allen möglichen Mitmenschen reden und Vergangenes hervorkramen. Immer wieder ist sie unterwegs: „Wie von einem unsichtbaren Faden gezogen, gehe ich durch dieselben Straßen, unter den Linden- und Kastanienbäumen, umgehe die aufgefüllten Gruben, wo sich früher Wasser und Herbstblätter sammelten und Kinder trampelten, atme an gewissen Hauswänden tiefer ein.“ (S. 159)

Immer wieder werden alte Geschichten und Orte hervorgeholt und ziehen sich durch das Geschehen.

Mit ihrem Freund zusammen ist es etwas anders, denn nun geht es auch durch unbekannte Straßen, da haben sie im Gehen geredet, „als hätte der Gang unseren Redefluss reguliert … ein Innehalten oder eine energische Handbewegung beim Reden war nicht nur sinnstiftend, sondern für den anderen auch wegweisend, und so bogen wir selbstverständlich ab.“ (Ebd.)

Auch wenn es sich nicht um eine vorbereitende Lektüre zur Besichtigung von Bukarest handelt, wird Neugier auf die Stadt schon geweckt.

Die verwendete Ausgabe erschien als Taschenbuch bei Ullstein, leider mit vielen Fehlerchen.

G

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, 1668: Der abenteuerliche Simplicissimus

Nur Mut, dieser umfängliche Schelmenroman aus den und über die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges ist so kurzweilig, dass es sich gut auch stundenlang in der libri box hören lässt, was ich sonst gar nicht mag. Dabei vergehen zwei, drei oder auch zwölf sehr unterhaltsame Stunden im Flug.

Die bewegten Zeiten für den Helden beginnen nach den Überfällen auf den elterlichen Bauernhof und später auf die Einsiedelei im Wald, in der er zwei Jahre bei dem geheimnisvollen Einsiedler aufwächst. Von dort geht der Held - erst einmal notgedrungen - in die Welt hinaus, die für ihn immer größer wird: Als schließlich das Geheimnis seiner Herkunft gelüftet wird, kann er sich auch ein paar größere und vor allem weitere Sprünge leisten und vor allem kann er nach einem Schiffbruch wieder als Einsiedler leben. Die ersten Schritte hinaus aus seinem alten Leben geht er noch auf Geheiß seines väterlichen Einsiedlers: „Lieber Simplici, wenn du dieses Brieflein findest, so gehe alsbald aus dem Wald …“ (Buch I, Kap. XVIII)

Zu finden als praktische Reclamausgabe

G

An dieser Stelle müsste eigentlich Ulrich Grober stehen mit seinem Buch „Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst“, rororo Taschenbuch. Eine Besprechung seines Buchs befindet sich schon in der Zeitschrift mobilogisch und auf der Website.

G

Anastasius Grün, 1831: Spaziergänge eines Wiener Poeten

Anton Alexander Graf von Auersperg war Politiker und deutschsprachiger politischer Lyriker in Österreich, unternahm von dort viele Reisen in ganz Europa. In der Zeit des Vormärz trat er unter dem Pseudonym Anastasius Grün für politische Freiheiten ein und veröffentlichte literarische Texte und Gedichte. Dabei mahnte er auch die Rechte der gesamten Bevölkerung auf den Genuss der Natur und insbesondere der Berge mit ihrer gesunden Luft an. In dem Gedicht „Spaziergänge“ fordert er ganz konkret für Sieche und Blinde Ausflüge in die Umgebung, für Häftlinge wenigstens Bewegung im Gefängnishof.
Er selbst sucht immer wieder freie Bergluft:
„Denn so läßt vieles leicht sich tragen, was zu Boden könnte pressen,
Wenn man nur für gute Sohlen nicht zu sorgen hat vergessen, …“

In: Spaziergänge eines Wiener Poeten im Projekt Gutenberg Kapitel 4

G

Dilek Güngör 2007: Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter

Die Reise in die Türkei ist nicht geplant, doch die Großmutter ist sehr krank, liegt vielleicht schon im Sterben. Also müssen die Erzählerin und ihre Eltern so schnell wie möglich hinfliegen. In dem kleinen Dorf ist die Familie dann seit längerem wieder versammelt. Die Verwandten rücken zusammen, die Sprache muss teilweise hervorgekramt werden, eigene Verhaltensweisen und die von den anderen werden überprüft und irgendwie befunden, vier Generationen rücken zusammen in einem kleinen Haus.

Aber was ist mit dem alten Haus, in dem die Witwe des ältesten Onkels lebt. Allein. Was ist da passiert? Die Erzählerin bemüht sich zwar zu verstehen, welches Geheimnis in der Familie besteht, möchte aber vor allem ihre Großmutter besser kennen lernen und viel Zeit mit ihr verbringen. Sie kommen sich täglich näher. Die Großmutter spricht gerne mit dieser Enkelin, sagt, was ihr gerade durch den Kopf geht: „Ich fühle mich zum ersten Mal alt, weißt du? Solange ich gehen konnte, kam mir nicht der Gedanke, dass ich alt bin.“ (S. 170)

Als dann ihre Mutter sich eines Morgens das Kopftuch umband, verstand sie gleich, wohin diese gehen wollte und ging kurz entschlossen mit, wohl wissend, dass sie schon an ihrem Gang mit zu großen Schritten und ihrer Art zu blicken als Fremde auffalle, wenn sie durch das Dorf und am Kaffeehaus vorbeigingen ...

Erschienen als Taschenbuch im Piper Verlag

Ganz nach oben

Buchstabe H

H

Maja Haderlap, 2011: Engel des Vergessens

In den Kärntner Bergen als Slowenin aufzuwachsen, bringt für jede Generation gleiche, ähnliche oder andere Einschränkungen, Gefahren und Möglichkeiten mit sich. Die Familiengeschichte der Ich-Erzählerin ist voller auch sie noch prägender erzählte Erinnerungen an Lager wie Ravensbrück und Mauthausen, an Widerstand, Ermordung und Partisanenkämpfe. Und indem die Ich-Erzählerin - wie die Autorin - in Österreich studieren kann, schafft sie sich die Möglichkeiten, daran auch erzählend zu erinnern.

Sie erfüllt verschiedene Voraussetzungen: Den Erzählungen der Großmutter aus der Zeit der Lager hörte sie immer gut zu, die Mutter unterstützt ihren Lerneifer und in den Augen des Vaters ist sie eine ordentliche Geherin, so dass sie mit auf die Jagd gehen darf (vgl. S. 82). Dabei zeigt er ihr viele der Fußwege, die schon im Partisanenkampf wichtig waren.

Gehen empfindet sie als eine sie erklärende Bewegung: „Ich gehe zur Schule, ich gehe wieder nach Hause. Ich gehe über das Feld und komme zurück. Ich blicke zu den Baumkronen und strecke mich nach den Früchten, ich gehe zum Gebirgsbach …“ (S. 100)

Sie liebt die Landschaft ihrer Kindheit, selbst wenn diese sie trotz aller Anstrengungen ihr nahezukommen in die Irre führen wird: „Sie wird sich mir quer vor die Füße legen und meine Fragen unbeantwortet lassen.“ Für sie bleiben die verkeilten Schrägen, Aufwerfungen und Gipfel verwirrend: „Sobald ich glauben werde, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, werde ich in die Irre gehen. Ich werde auf die Anhöhen steigen müssen, um meine Irrwege zu überblicken.“ (S. 193)

Erschienen bei Wallstein

H

Peter Handke, 1969: Die verkehrte Welt

Eine der Aufgaben einer Dichterin oder eines Schriftstellers ist es, sich alles Mögliche vorzustellen. Um uns Lesende verschiedene Weltsichten und so auch einmal eine verkehrte Welt zu schildern. Da kann der Leser sich von Gegenständen anschauen lassen, ohne sich zu bewegen, und wenn ihn der Boden unter seinen Füßen bewegt, sinkt er auf dem Steinboden knöcheltief ein. Geht sie barfuß, spürt sie einen Stein im Schuh. Sobald er den Regenschirm aufspannt, brennt ihm der Boden unter den Füßen. Und dann wird sie auch noch verhaftet, als sie ins Freie läuft. (Im Originaltext alles männlich)

Sanft erscheint ihm nach dem Aufwachen die Wirklichkeit gegenüber diesem Traum …
Wenn eine verkehrte Welt schon für ihn solche Auswirkungen hat, wie soll das dann erst bei Briefe Austragenden, bei Staatsoberhäuptern, Predigenden und Clowns sein?

In: Deutsche Gedichte, Inselverlag 2000; S. 1003 - 1006

H

Audrey Hepburn, 1987: African Queen oder Wie ich mit Bogart, Bacall und Huston nach Afrika fuhr und beinahe den Verstand verlor

Die Dreharbeiten für den Film „African Queen“ (nach einer Novelle von Cecil Scott Forester aus dem Jahr 1935) fanden am Kongo statt. Dies setzte voraus, dass Eisenbahnfahrten und Flußreisen in die Gegend um das heutige Ubundu unternommen wurden. Am Drehort entstand ein - nach den Worten der Erzählerin - faszinierendes Lager für die Crew. Zumindest so aufregend wie die Dreharbeiten an Fluss und im Dschungel waren wohl die damit verbundenen Lebensbedingungen und Gefahren für die Mitwirkenden, die Humphrey Bogart und andere mit Alkohol auszugleichen versuchten.

Trotzdem gab es viel gute Laune, auch wenn sie bei Regen überall auf dem Schlamm ausrutschten. Allerdings gab es auch größere Herausforderungen, so als der Drehort sank oder als John Huston unbedingt auf Elefantenjagd gehen wollte: Sie näherten sich den Elefanten von hinten, gegen den Wind. „Wir erreichten anderes Terrain, wo das Gras niedrig war und einige Felsbrocken herumlagen - freieres Terrain.“ (S. 107) Dort kreuzte ein Wildschwein mit den Frischlingen ihren Weg. Und eine kleine Fußstrecke weiter trafen sie auf eine noch größere Herde von ungefähr fünfzehn Elefanten … (vgl. S. 108) Aber die Kollegen hatten noch nicht genug, sie wollten trotz der Warnung des Führers noch weiter. „Also gingen wir in das dschungelhafte Gestrüpp. An Vorsicht kein Gedanke. Wir kamen vielleicht zweihundert Meter, als ein furchtbares Getöse erscholl und die ganze Herde keine sieben Meter von uns entfernt vorbeigaloppierte. Und ganz Bäume niederwalzte. Dann waren sie fort.“ (S. 109)

Einige Ausschnitte aus dem Film lassen sich im Internet übrigens noch anschauen!

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Abel, verwendet das Taschenbuch bei Heyne

H

Herrndorf, Wolfgang, 2011: Sand

Sand eignet sich nicht so gut, um zu Fuß zu gehen? Da ist aber eine der Figuren in Herrndorfs tollkühnem Erzählritt durch die Sahara und andere Gegenden anderer Ansicht. Der wegen eines Überfalls auf eine Kommune verhaftete Amadou Amadou behauptet rundweg, er „habe einen Spaziergang in der Wüste unternommen. Das Wetter sei sehr lieblich gewesen und der Spaziergang habe mehrere Stunden gedauert. Dabei habe er im Dornengestrüpp eine Sandale verloren.“ (S. 28)

Ein dazu passendes Sprichwort der Fulbe findet sich einige Kapitel weiter: „Wer nicht weiß, wohin er geht, erreicht mit jedem Schritt sein Ziel.“ (S. 69)
Leider ist diese Weisheit nicht unbedingt für die verschiedenen noch anstehenden Herausforderungen geeignet: Denn wenn Dünen raufgelaufen werden, kann man anschließend fünfzehn Meter wieder runter rutschen. Wer anschließend die ungünstigere Leeseite erwischt, versinkt bis zu den Knien. Vielleicht ein guter Trick, um Verfolger auch in Häuserwüsten abzuschütteln … ?

Da ich diesen wunderbar verwirrenden Roman erst vier- oder fünfmal immer wieder mit Begeisterung gelesen habe, kann ich mich - neben der Lektüre als solcher - sicherlich auf noch einige andere der bisher überlesenen Hinweise für die alltägliche Lebenspraxis von Gehenden freuen.

Taschenbuch bei Rowohlt

H

Hermann Hesse, 1918: Kinderseele

Offensichtlich erzählt Hesse von einer Tat, die der Ich-Erzähler nie vergessen hat und deren Schatten „lang über alle Tage“ seines Lebens fiel (vgl. S. 7). Er spricht von Strafe und schlechtem Gewissen.

Und tatsächlich hört sich die erlangte Lebensweisheit für ein Schulkind recht traurig an, das Streben nach Edlem wider das Handeln in Sünde und Lumperei (vgl.S. 14). Eines Tages erliegt der Junge nämlich der Verführung und stiehlt aus dem Schreibtisch seines Vaters einige Feigen, na ja sogar eher viele Feigen.

Leider aß er auch noch ziemlich viele auf einmal davon, so dass er beim Mittagessen keinen Hunger mehr hatte. Anschließend verfloss die Zeit auch nicht mehr so richtig, er machte sich schon mal vorsorglich Gedanken über den Umgang mit Verbrechern und erinnert sich daran, dass er einmal einer Hinrichtung zugeschaut hatte.
Die Panik trieb ihn schließlich aus dem Haus und dem Garten.

Er kannte das, er wußte, „wie es schmeckt, wenn man in Gewissensangst durch die gewohnte Gegend läuft! (…) Jetzt gab es nichts als zu fliehen, vor dem Vater, vor der Straße, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen und rastlos sein … (S.38 f.)

Er lief rastlos und bergan bis zum Wald und erinnerte sich an die anderen, meist schönen Gelegenheiten, bei denen er diesen Weg schon gelaufen war. … „Ich lief und lief, den Schweiß auf der Stirn, und hinter mir lief meine Schuld und lief groß und ungeheuer der Schatten meines Vaters als Verfolger mit.“ (S.40)

Letztlich scheint es eher eine Kleinigkeit gewesen zu sein, der eine Verbotsstrafe folgte. Eine prägende Erfahrung war es jedoch.

Suhrkamp Taschenbuch in der Auflage von 1985

H

Franz Hessel, 1927: Heimliches Berlin

Wendelin führt uns nicht nur durch Berlin, sondern auch ein in sein Leben als etwas schludriger Student, als kleiner Sohn eines wichtigen Herrn und als träumerischer Verführer sich langweilender Ehefrauen oder Schauspielerinnen.

Nachdem er nach einigen Kapiteln schließlich aufgestanden war, ging er „an schönen Schaufenstern hin“. Diese führten zum Pariser Platz, er schreibt von Botschaften und Palais, die ihm immer riesengroß vorkamen, seit er als vierjähriger Knabe hier einmal lange neben dem mit wichtigen Geschäften befasstenVater gestanden und gegangen war. „Der schöne Platz mit zurückweichenden Fassaden und nahen Rasenflächen dehnte sich – und seit damals fühlte Wendelin sich Bürger dieser Stadt.“

Als er nach einigen gefassten Plänen - wie beispielsweise Reise nach Frankreich, Flucht mit der Ehefrau eines Freundes oder Besuch von Schwester und Mutter und deren wiederholten Änderungen - an der Tormauer entlang zum Tiergarten hinüberging, beschloß er, seinen Freund Donath zu besuchen. Er bog in die schmale Viktoriastraße ein, kam, wo sie sich verbreitert, zu dem einzeln stehenden alten Baum, den er liebte wie einen ganzen Wald, dann zum Kanal und durch Menschen- und Wagengedränge an der Brücke vorbei in die schon dämmernde Straße am Ufer. Er überquerte den Gartenhof einer Klinik und stieg im Rückgebäude in das zweite Stockwerk …

Nach einigen nächtlichen Feiern und neuen Bekanntschaften verflüchtigten sich auch die Fluchtgedanken wohl schon wieder etwas, da „das dunkle Stück Gartenweg hinter der kleinen Fußgängerbrücke“, da wo der Sandweg bei den Trauerweiden war, sich auch mit einer anderen Liebe als ruhige Ecke eignete. (Kapitel IV)

Im Kapitel XIII erweist sich der verquere Plan des jungen Helden endgültig als untauglich. Clemens, Freund, Professor und gleichzeitig der noch nicht so wirklich betrogene Ehemann, lädt Wendelin ein, mit ihm ein paar Schritte am Ufer entlang zu gehen. Für Clemens hatte diese Uferlandschaft mit der geschwungenen Fußgängerbrücke, gabelnden Kastanienästen und den drei Trauerweiden etwas Fernöstliches behalten.

»Unter den Weiden dort«, begann Wendelin, selbst verwundert, daß er in diesem Augenblick auf das Gespräch des Freundes eingehen konnte, »habe ich zum ersten Mal das ›Gastmahl‹ gelesen.«
»Hast du auch daraus gelernt, daß die Liebe ein Dämon ist, kein Gott?«
»Das lerne ich wohl erst jetzt, seit du mir verboten hast, ein Liebender zu sein. Aber warum bist du denn selbst einer?«
»Ich will dir bekennen: Eigentlich liebe ich wohl nur die Götter, wie alle Frommen, und in den Menschen ihr Erscheinen, hold oder schrecklich, belebend oder vernichtend. Aber die Menschen fügen sich nicht drein, sie stören den heiligen Akt der Verehrung durch Aufforderungen, ihre Identität zu bestätigen «… Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander und verabschiedeten sich schließlich an der Potsdamer Brücke.

Gelesen im Projekt Gutenberg-DE

Genannt sei hier auch sein bekannteres Werk „Spazieren in Berlin“, in dem es ihm um das Erkunden der Stadt geht, oft in Auto bzw. Kutsche oder auch mal etwas zu Fuß. Wichtig ist für ihn der Anlass: „Um richtig zu flanieren, darf man nichts allzu Bestimmtes vorhaben.“ Es geht um die ‚Promenade ohne festes Ziel‘ und um ungeahnte Abenteuer des Auges. Er empfiehlt eine Art Resttageslicht und Dämmerung, weil „neue Nähen und Fernen“ entstehen. Es geht ihm um die „glückhafte Mischung ,où l’indécis au précis se joint.“ (S. 121)

2013 erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg auf Grundlage der Erstausgabe von 1929

H

Sheila Heti, 2012: Wie sollten wir sein? Ein Roman aus dem Leben

Die Ich-Erzählerin lässt nichts aus, was zum Jungsein, zur Studienzeit und zum Künstlerinnenleben gehört. Kein Wunder, dass sie in Verzug mit ihren Arbeiten an einem Theaterstück gerät, genauso wie ihre Freundin Margaux, die sich im Rahmen von Improvisationsübungen vornahm, das hässlichste Bild ihrer Malklasse zu malen.

Nach einem beunruhigenden Traum mit herunterstürzenden Flugzeugen und riesigen Müllhalden richtet Sheila einen Hilferuf an ‚ihre’ Psychoanalytikerin. Diese meint dazu nur, dass sie ja von der Müllhalde hätte zu Fuß gehen können. „Was ist am Gehen schlecht? Es dürfte um einiges länger dauern … vierzig Jahre im Gegensatz zu vier Stunden. Aber sie kommen mit höherer Wahrscheinlichkeit wohlbehalten an.“ (S. 93)

Vielleicht war es dieser Hinweis, dass die beiden Freundinnen, die gerade wegen einer Ausstellung in Miami waren, nächtens durch die Stadt liefen, obwohl es kalt war (Vgl.S. 107): „ Mal in diese Richtung, mal in jene. Immer anders. Sollen wir diese Gasse runtergehen? Gut. Willst du dieses Sträßchen rauflaufen? Ja, komm, das machen wir. Aber hier sind wir eben erst runtergekommen. Schon gut, dann gehen wir eben wieder rauf.“ (S. 153) So gingen sie rauf und so gingen sie runter. Und eigentlich laufen sie lieber, als irgendwo anzukommen. Vielleicht auch je nach Drogenmischung …

Am Morgen aber nahmen sie wahr, dass die Fensterscheiben von Raureif geschmückt waren. Dies passte dann perfekt zur aktuellen Vorlesung, deren Thema der Wanderer über dem Nebelmeer war …

Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Überhoff, erschienen 2014 im Rowohlt Verlag

H

Patricia Highsmith, 2002: Auf der Plaza

Eine merkwürdige Geschichte aus einem kleinen Ort in Mexico - vermutlich Taxco, ein wegen seines Silberhandwerks sehr bekannter Ort im Bundesstaat Guerrero. Die meisten Touristen sind auf Durchreise zum Meer, meist nach Acapulco.

Der Junge, dessen Geschichte erzählt wird, stammt aus einer armen Familie. Noch nackt und schon mit vier Jahren beginnt Alejandro, die Hände nach Münzen von Amerikanern auszustrecken. Er bietet die üblichen Dienste an: Gepäck tragen oder zu den Hotels führen. Dabei lernte er Englisch so leicht wie Spanisch. Als er auf die besser angesehene und bezahlte Fremdenführung umstieg, wurde er bald der beliebteste ‚Guía‘ der Stadt, und dies wollte er auch bei den Mädchen ausnutzen. Er galt bald als ‚Schwerenöter‘ (vgl. S. 104). „Sein Gang war hochmütig und und ließ in seiner angespannten Geschmeidigkeit an den eines verwöhnten Hauskaters denken; ständig war er unterwegs, durchstreifte die Stadt.“ (Ebd.)

Zuerst machte er noch eine Art Ausbildung bei einer amerikanischen Touristin, die ihm dann sogar einen guten Job an der Hotelrezeption vermittelte. Als ihn eine Dummheit den Job kostete, machte er sich gezielt auf die Suche nach einer anderen Amerikanerin: Er „schlenderte im Kielwasser der ausgetretenen Halbschuhe von Mrs. Kootz aus dem Laden. Sie betrat die Gasse, die zu dem Haus führte, in dem sie immer wohnte. Doch der Weg war so steil, dass Alejandro träge kehrtmachte, sich auf eine Bank im Schatten der Platanen an der Plaza lümmelte und ein wenig döste …“ (S. 119)

Die Heirat folgte bald, Flitterwochen standen an. Einmal noch wollte der Siebzehnjährige etwas mit Freunden trinken. Einer nahm ihn mit nach draußen und gab ihm den Tipp, statt nach Hause lieber zu seinen Eltern zu gehen und zwar über die Hinterhöfe. (Vgl. S. 128)
Seit wann hört aber ein junger Neureicher auf die Ratschläge eines armen Freundes?

Aus dem Amerikanischen von Melanie Waltz. Enthalten in: Heiße Zeiten, heiße Geschichten. Diogenes, entnommen aus Patricia Highsmith, Die stille Mitte der der Welt. Stories

H

Homer (vor rund 3000 Jahren): Odyssee

Die Odyssee ist ein anfangs mündlich und später auch schriftlich geformtes und überliefertes Epos. Als Verfasser wird zwar Homer genannt, aber es ist wahrscheinlich, dass auch noch andere Verskünstler an der Überlieferung beteiligt waren, denn es existieren verschiedene Versionen nebeneinander.

Die Vorgeschichte ist, dass Odysseus, König von Ithaka, zusammen mit einigen Getreuen zwanzig Jahre lang nach dem Kampf um Troja von der Göttin Athene an der Rückkehr nach Hause gehindert wurde.

Erst der 14. Gesang der Odyssee erzählt schließlich die Heimkehr von Odysseus: Endlich im Hafen von Ithaka angekommen, schritt er „hinan den steinigen Fußpfad über das waldige Land und zwischen den Bergen“. (S. 231) Der göttliche Schweinehirt Eimaios saß schon vorn im Haus, das umgeben war von einem gut gesicherten Hof mit genügend Platz für die Ställe der sechshundert Schweine. Die richtige Adresse, um etwas über die Zustände in seinem Haus zu erfahren. Denn diese Schweine dienen als Mahl für die vielen Freier, die um Penelope, die auf Odysseus wartende Ehefrau, warben. Gerade war wieder einer der vier Hirten mit einem fetten Schwein zu den Freiern unterwegs, um Fleisch für das tägliche Festmahl zu bringen.

Athene hatte Odysseus äußerlich stark altern lassen, damit er nicht so leicht zu erkennen wäre. Trotzdem wurde Odysseus gut vom Schweinehirten bewirtet. Und als auch sein Sohn Telemachos im 15. Gesang von der Göttin geschickt wird, ist die Vorbereitung der Rache an den feiernden Freiern nicht mehr fern: Denn Telemachos zieht seine schönen Sandalen an, nimmt seine scharfe Lanze und geht mit seinen „schnellen Füßen“ zum Hof des Sauhirts. … (vgl. S. 267)

Verwendete Ausgabe erschienen in der Sammlung Dietrich, Band 14 (verdeutscht von Thassilo von Scheffer)

H

Ricarda Huch, 1924: Der Fall Deruga

Als Kriminalroman geschrieben von einer Frau, in einer Zeit, in der Frauen wohl vor allem als „liebes Kind“ angesprochen wurden und ein junges Mädchen aus guter Familie „in der Dunkelheit nicht allein durch die Straßen laufen“ darf. (S.202)

Auch das Opfer ist eine Frau - das arme Kind - , der Angeklagte der geschiedene Ehemann. Die Autorin nimmt sich Zeit und Raum für Milieu- und Charakterstudien, mit dem Ziel zu verwirren, wer denn nun Täter sei und aus welchen Gründen es zu dieser Tat kam. Dazu baut sie die Ergebnisse der Nachforschungen des verteidigenden Rechtsanwalts ein und weist über Rückblicke auf mögliche Varianten und moralische Bewertungen des Geschehens.

Auf jeden Fall bietet das Aussteigen aus dem gesellschaftlich üblichen Verhalten die Lösung und wie sollte es sonst sein: Nur das Zu-Fuß-Gehen bietet die Chance zu unbemerktem Handeln, nachts und verkleidet …

Aber auch eine vom Tod ihrer Verwandten aus mehreren Gründen betroffene Baronin bedarf des zu Fuß Gehens, nämlich um ihre Tränen zu stillen: „Erst nachdem sie eine Zeitlang in den entlegenen, einsamen Straßen dieser Gegend auf und ab gegangen war, versiegten sie und vermochte sie sich zu fassen. Nach Hause zu gehen, fühlte sie sich immerhin noch nicht fähig und beschloß, auf Umwegen in die innere Stadt, wo die eleganten Geschäfte waren, zurückzukehren …“ (S. 211) bis ihr Schritt immer elastischer und ihre Miene heiterer wurde (vgl. S 212).

Verwendete Ausgabe ist ein Inseltaschenbuch von 2014.

H

Petra Hulová, 2002: Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe

Als sehr junges Mädchen wurde Dzaja nach dem Schulabschluss aus dem heimatlichen Ger (Art Zelt) in der Steppe fort nach Ulan Bator zu ihrer Tante geschickt. Sie begann schon sehr bald in einer Garküche - einem Guanz - zu arbeiten und als es dort einmal ein längerer Arbeitstag wurde, musste sie sich allein auf ihren Nachhauseweg begeben. So stand sie spät am Abend auf dem größten Platz von Ulan Bator. Sie spürte den mit Schlacken gespickten Asphalt unter ihren Füßen. Rundherum auf den Bänken lagen Obdachlose und schliefen. Sie „ging in Richtung der von Tränen und Müdigkeit verdreifachten Lichter auf die andere Seite des Platzes und betrat ein Nachtlokal.“ (S. 58) Die Musik hatte sie angelockt, sie ging hinein und probierte von Gläsern auf einem Tisch, saß dort in der Hoffnung, dass jemand käme, damit sie nicht so allein wäre, überlegend ob es schlecht enden könnte allein in der Stadt, wie ihr Vater sie gewarnt hatte … (vgl. S. 59 ff)

Aus dem Tschechischen übersetzt von Christa Rothmeier, erschienen als Taschenbuch bei Luchterhand

Ganz nach oben

Buchstabe I

I

Tim Ingold, 2013: The Maze and the Labyrinth. Walking and the Education of Attention;
Tim Ingold and Jo Lee Vergunst, Eds, 2016: Ways of Walking. Ethnography and Practice on Foot. Routledge

Einen bildhaften Einstieg gestaltet Timothy Ingold mit dem Vergleich von Gehen im Irrgarten (maze) und im Labyrinth.

Erst einmal zur Klärung der beiden Begriffe: Auf der Seite www.mathematische-Basteleien.de wird der Irrgarten als voll von Sackgassen, Umwegen oder Fallen in Form von geschlossenen Wegen dargestellt, während das Labyrinth nur einen Weg hat, der allerdings sehr verschlungen sein kann.

Was ist intellektuell und auch sozial anspruchsvoller - und auch befriedigender? Das ist die Frage, die bei der Lektüre von Ingold sofort entsteht und die er selbst stellt. Denn im Irrgarten muss jedes Individuum zwar immer wieder entscheiden, kann aber auch einfach dem vor ihm Gehenden folgen: die Intentionen stehen im Zentrum.

Im Labyrinth geht es nicht um die Wahl des Weges, sondern es ist kontinuierlich auf die Umgebung zu achten. Diese Unterscheidung sieht Ingold als wesentlich an in Bezug auf das menschliche Lernen und Leben - gerade in Bezug auf die Aufmerksamkeit, mit der die Umwelt, die Mitlebenden und die entsprechenden Informationen wahrgenommen werden. Deshalb betrachtet er das Gehen als geeignet für ein alternatives Modell des Lernens.

In: Kapitel 4 in „The Maze and the Labyrinth: Walking, Imagining and the Education of Attention„Selected Essays From the On-Walking Conference“, University of Sunderland, June 28 - 29, 2013 (issuu.com) und In Ernst Schraube und Charlotte Hojholt (Hg), 2016: Psychology and the Conduct of Every Day Life, Hove/New York: Routledge

Ein weitere Fragestellung, die in der englischen Anthropologie und in dem Rahmen auch von Ingold diskutiert wird, ist - anknüpfend an den Soziologen/ Ethnologen Marcel Mauss - inwieweit Körpertechniken angeboren oder erlernt sind. Als Beispiel dafür führt er an, dass er erkennen könne, wenn ein Mädchen in einem Kloster erzogen worden war. Woran? - Sie würde im Allgemeinen mit geschlossenen Fäusten gehen.

Ingold und sein Kollege Vergunst weisen in diesem Kontext darauf hin: „Indeed, walking is an accomplishment of the whole body in motion, as much the work of the hands and lungs as of the feet.“ (S. 2)

In diesem Band erzählen er und Jo lee Vergunst in der Einleitung auch von einem Dreitageereignis an der Universität von Aberdeen, das unter der Bezeichnung „Walking Seminar“ stattfand. Dss Ziel dieses Seminars im September 2005 war, die Verschiedenheit von Gehpraktiken zu erkunden und zwar dort, wo Anthropologen und andere arbeiten. Denn obwohl dieser Aspekt wohl in den Feldnotizen der Anthropologen auftauche, erscheint er kaum einmal in den publizierten Veröffentlichungen.

Auch der freie Nachmittag wird von ihm kurz beschrieben: „In our free afternoon we went to Bennachie, Aberdeen’s own mountain, and climbed up through the forest and out to the open hillside. We moved from quiet pine needles underfoot to rough boulders, heather and a buffeting wind, at which point we mostly gave up talking, but carried on walking.“

Anschließend wurden diese Erfahrungen genauer ausgewertet, insbesondere die Unterscheidung, was getan wurde und wie es getan wurde. Und welche Einsichten daraus gewonnen werden können …

Ways of Walking. Ethnography and Practice on Foot. 2008. Edited by Tim Ingold and Jo Lee Vergunst. Anthropological Studies of Creativity and Perception, University of Aberdeen, Routledge London and New York)

I

Kazuo Ishiguro, 1986: Der Maler der fließenden Welt

Von Oktober 1948 bis Frühjahr 1950 ist die Handlungszeit des Romans, also Nachkriegszeit in Japan. Der Maler Ono, der seit dem Tod seiner Frau an den Abenden wieder häufiger den Weg zum Fluss hinabgeht und dann über eine kleine Holzbrücke - die „Brücke des Zauderns“ genannt - den ihm vertrauten Weg ins Vergnügungsviertel nimmt, trifft immer wieder auf Schutt und Trümmer. Eines Tages betritt er zufällig das Lokal von Frau Kawakami, das vor dem Krieg ein Treffpunkt für ihn und einige Freunde war. Er findet es noch genauso angenehm wie früher, nur die Ruinen und andere Kriegsschäden vor der Tür erinnern an die vergangenen Jahre.

Der Maler erinnert sich, dass man „damals (vor dem Krieg) kaum durch jene engen Straßen gehen (konnte), ohne mit der Schulter die zahllosen Fähnchen zu streifen, die sich einem ringsum von den Fassaden der Lokale entgegenstreckten … Die Autofahrer hatten längst den Versuch aufgegeben, hier durchzukommen, und es bereitete sogar große Mühe, ein Fahrrad durch die Trauben unachtsamer Fußgänger hindurch zu schieben.“ (S. 28 f.)

Doch Ono erinnert sich genau daran, dass nach der Kapitulation noch viele der alten Häuser standen. Er weiß wovon er spricht, denn er selbst hat selbst die meisten Kriegsschäden an seinem eigenen Haus beseitigt.

Trotzdem geht er immer wieder durch dieses Viertel, in dem es immer mal zufällige Begegnungen gibt, die ihn mit den individuell sehr unterschiedlichen Kriegserfahrungen konfrontieren. Er bemerkt auch die schrittweisen Veränderungen in dieser Gegend, die sich an Neubauten und Baustellen erkennen lassen. Es scheint, dass ihm diese spürbare Erneuerung Japans nach dem Krieg erleichtert, seine eigene Geschichte und Rolle in dieser Zeit zu reflektieren, auch ehemalige Freunde oder Bekannte aufzusuchen. Meist geht er allein, aber zunehmend verlässt er seine Kapsel von Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und Trauer …

Aus dem Englischen von Hartmut Zahn, erschienen im Wilhelm Heyne Verlag, München

I

Pico Iyer, 2004: „Dharamsala“

Für Iyer ist die Reise nach Dharamsala am Vorgebirge des Himalaya schon eine jahrzehntelange Tradition. Den Ort selbst beschreibt er als zusammengestoppelt, nach Müll stinkend und voller Schlaglöcher. Spätestens aber wenn er den Hügel sieht, auf dem das bescheidene gelbe Haus des Dalai-Lama steht, fühlt er sich angekommen. Er kennt diese Gegend und ist die Wege schon mehrfach gegangen: Sie führen durch die Wälder, in denen Bären und Leoparden leben, bis hinauf zur Schneegrenze. Und er weiß vom Dalai Lama, dass auch dieser lange Wanderungen in die Berge liebt (vgl. S. 48), dass er aber seit den zunehmenden Besucherströmen nach der Verleihung des Friedensnobelpreises nicht mehr so frei im Umgang mit seiner Zeit ist.

P. Iyer kann schon noch losgehen. So kletterte er an einem Frühlingsmorgen den morastigen Pfad hinunter und befand sich „plötzlich allein auf einem von Hirten benutzten Trampelpfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte“ (S. 49); zwischen weißen Schmetterlingen hindurch und bei Vogelgesang kam er zu einer kleinen Steinbrücke, die zu einem verschlafenen Kloster führte … (Vgl. S 50).

Aus dem Englischen von Sylvia Höfer und erschienen in Lettre InternationalI 67, S. 48 - 51;

I

Marian Izaguirre, 2013: Als die Träume noch uns gehörten

Die Übersetzung des Titels verwirrte mich erst einmal, denn im Original heißt es Leben statt Träume. Bei der Lektüre wird deutlich, dass es tatsächlich mehr um das Leben geht - wie es sein sollte und wie darum gekämpft wird. Ein Stichwort, das uns zur langen Francozeit und zum Spanischen Bürgerkrieg führt.

Alle Erzählstränge verknüpfender Schauplatz ist immer wieder eine kleine Buchhandlung in Madrid, die Treffpunkt von Ideen und gemeinsamen Geschichten wird. Sie ist Ausgangs- und Endpunkt von Roses Spaziergängen im Oktober 1951, als es so kalt ist, dass es sich wie mitten im Winter anfühlt. Trotzdem wird Rose zur Buchhandlung gehen. „Ich mag es spazieren zu gehen. Am Nachmittag, wenn ich schon ein bisschen erschöpft von meinen Erledigungen bin, für ein, zwei Stunden ohne festes Ziel durch diese Stadt laufen (…) Viele Viertel kenne ich gar nicht …“ (S. 7).

Doch sie interessiert sich nicht nur für die Orte in der Stadt, sondern auch für die Menschen - und geht manchmal jemandem hinterher. Sie sagt selbst, dass ihr dies schon zur Gewohnheit geworden sei. (Vgl. S. 144) Oder sie hält die Menschen, die ihr begegnen oder Straßenszenen, die sie überraschen, im Geiste fest. … „Niemand, der diese ältere, zumindest ungewöhnlich aussehende, groß gewachsene Frau mit der weißen Haut und den weißen Haaren sieht, würde vermuten, dass sie alles, was sie sieht, sorgfältig festhält, um es für die Zukunft zu bewahren.“ (S. 160)

Und auf diese Weise entdeckte sie auch den Weg zu der kleinen Buchhandlung, die schließlich ein Fenster für ihr Leben und ihre Erinnerungen bietet, gleichzeitig aber auch Perspektiven für Veränderungen ermöglicht.

Weiße Haare hat sie schon, so schiebt sie es auf das Alter, dass sie immer unbekümmerter wird …

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen und erschienen 2016 bei Fischer

Ganz nach oben

Buchstabe J

J

Bárbara Jacobs, 1990: Tante Luisita

Jedes Jahr kündigte die Mutter an, dass es das letzte Mal sei, dass sie alle Tanten - zwanzig oder mehr - zu ihrem Geburtstag einlade. Und wie immer kamen auch noch alle, obwohl die erzählende Tochter mit ihrem guten Instinkt Regen angekündigt hatte. Und tatsächlich, es regnete schon während des Tees und der Torten. Nur Tante Luisa kam später, schon wütend und durchgeweicht vom Gewitterguss. Das Fest war wohl trotzdem ein Erfolg, denn das Gelächter schwoll an und der Regen ließ nach. Die meisten Tanten wurden abgeholt von ihren Chauffeuren. Aus Sorge um ihre Schwester Luisa, die mit der Metro unterwegs war, holte die Mutter ihren vor kurzem gekauften Regenmantel. Tante Luisa zog ihn begeistert an und machte sich auf den Heimweg.

Einige Tage später war die jugendliche Erzählerin mit ihrem Freund im Zentrum von Mexiko Stadt unterwegs. Inmitten der Fußgänger auf der belebten Straße entdeckte sie ihre Tante Luisa, begleitet von einer Freundin oder Arbeitskollegin. Sie konnte sogar Teile des Gesprächs der beiden Damen aufschnappen. Doch da kam auch schon ein Volkswagen angefahren und fuhr direkt an den beiden durch eine sehr tiefe Pfütze vorbei … (vgl. S. 118)

Aus dem Spanischen von Doris Brennecke u.a.. In: Erkundungen. 22 Erzähler aus Mexiko. Verlag Volk und Welt, S. 100 - 118

J

Elfriede Jelinek, 1999: Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes

Das Stück ist fürs Theater gedacht - die Personen führen sich schon selbst zur Genüge auf.
So hält im dritten Teil ihrer Trilogie „Der Wanderer“ einen Schlussmonolog. Der offensichtlich in einer geschlossenen Anstalt Lebende enthüllt nach und nach Erinnerungen an sein Leben sowie einige seiner Eigenheiten. Als professioneller Tourengeher ist er nun „unbenommen und unberufen“ - wegen des Hosentürle (vgl. S. 50). Seit er sich außerdem „schon mal verpaßt gehabt hatte“ (S. 51), geht er spazieren, bis er nicht mehr weiter kann. Er hätte jetzt sogar die Zeit einen Denkweg zu betreten, nur an welches Tor würde er dann kommen nach dieser Wanderschaft. „auf allen vieren, damit ich nicht hinfliege zu dir, Loneli? (S. 55)

Er weiß offensichtlich schon, dass er nicht mehr alles recht weiß; aber eins weiß er noch: „ … ich will dieses Spazierengehen, obwohl der Weg schwerhörig zu sein scheint für das Geräusch meiner Tritte. Der Weg findet mich immer seltener, …“ (S. 58) Und er kann auch etwas ungeduldig werden, wie mit dem Kolbeterweg, zu dem er gern gehen will. Aber der bleibt einfach nicht, wo er ist. Denn aus dem einen Fenster „ist er hier, aus dem andren ist er dort drüben“ (S.60).

Wer weiterliest oder zuhört, beginnt sicher auch über die Bedeutung des „Bewandertseins“ nachzudenken …

Und ein weiteres schönes Bild schenkt er uns: „Als ich noch wandern durfte, da habe ich mein Denken leicht und froh geschwungen wie Arme. Das geht heute nicht mehr …“ (S. 64)
Aber nun darf er das alles nicht mehr …

Erschienen bei rororo, S. 49 - 84

J

Sonja Jeroschok (2011): Vagabunden. Vom zerbrechlichen Leben der Obdachlosen in Moskau.

Obdachlos in Moskau zu werden, ist ziemlich einfach. Da kann der Sohn dafür sorgen, dass seine Mutter aus ihrer Wohnung auszieht und er und seine Frau dort bleiben. Schon ist wieder eine ältere Frau wohnungslos und geht vielleicht zum Pawlezker Bahnhof.

Solche Geschichten kennt die Autorin seit ihrer Recherche im Zentrum Moskaus zur Genüge. Sie begleitet die Studentin Lisa, die einmal in der Woche dort für ein paar Stunden Hilfe leistet - Wunden versorgen, Herbeirufen von Krankenwagen, gespendete Kleidung verteilen und auch einfach Gespräche führen, wie es so weiter gehen soll. So erfährt sie auch die Geschichte vom gebrochenen Arm: „Wanja stand am Metroausgang, ein Milizionär kam vorbei, fragte: Was stehst du hier rum? Und - wumms mit dem Knüppel auf den Arm. Hat seinen Spaß gehabt und ist weitergelaufen.“ (S. 105) Bei minus 25 Grad verbindet die Studentin Lisa den Arm.

Inzwischen weiß sie, dass das Vagabundieren für viele ihrer Betreuten zu einem Lebensstil geworden ist. Fast alle sind russische Bürgerinnen und Bürger, nur wenige Zugewanderte. Hintergrund für den Wohnungsverlust ist für die Hälfte das Ende einer Haftstrafe und der damit meist einhergehende Verlust der früheren Wohnung. Weitere Gründe sind Wohnungsprivatisierung, Streit in der Familie und Schulden.

Am meisten fürchten die Vagabunden die Miliz und die Krankenhäuser, die sie einfach hinauswerfen. (Vgl. S. 111)

Aus dem Russischen übersetzt von Sergej Gladkich und erschienen in Lettre International 93, S. 105 - 111

J

Sergej Jessenin, 1922: Ein für allemal sei nun verlassen

Wie so viele junge Leute zog es den jungen Jessenin aus dem Dorf. Vom heimatlichen Feld geht er nach Moskau. Und er liebt diese Stadt mit ihren goldenen Kuppeln, auch wenn er wohl meist nur nachts unterwegs ist. Und er geht, nächtens und unterm Monde, geht im Mondschein und im Teufelsschein, torkelt durch die Gasse. Am besten scheint er dort eine Kneipe zu kennen, in der er auch seine Gedichte schreibt.

Trotzdem erinnert er sich noch an seinen Hund im Heimatdorf, dessen Treue er vermisst in der Umgebung von Gaunern und anderen Verlorenen - zu denen er auch sich selber zählt.

Aus dem Russischen übertragen von Paul Celan und erschienen in „Gedichte“ bei Reclam 1968, S. 144/147

J

Uwe Johnson, 1974: Eine Reise nach Klagenfurt

Kurze Zeit nach dem frühen Tod der Philosophin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann im Jahr 1973 fährt Uwe Johnson in ihren Geburtsort Klagenfurt, um ihrem Leben nachzuspüren. Er kann auf einige von Bachmanns eigenen Notizen zurückgreifen, die unter ihrem Material in Rom gefunden wurden, auf Prospekte des Klagenfurter Fremdenverkehrsamtes. Mit diesen Informationen sind wir bald ganz gut informiert über die Stadt und könnten es noch besser sein, wenn Johnson nicht geahnt hätte, „dass die Bahnhofsstraße um ein weniges zu lang ist und will, daß ein Fußgänger sich die Stadt erst einmal verdient“ (S.12 f.). Bei 84 000 Einwohnern gibt es schon eine gewisse Ausdehnung, zumal mit rauf und runter.

Sein erster Gang nach der Ankunft gilt dem Friedhof, auf den sie von Rom überführt worden war.

Er versucht ihren Schritten in Kindheit und Jugend in der dieser Stadt zu folgen, geht dem Schulweg nach, stellt ihn sich vor in den Jahren der Kriegsruinen und vorher noch die Wälle der Festung Klagenfurt aus dem 16. Jahrhundert. Er geht vorbei am Künstlerheim und am Stadtpark, erreicht den Theaterplatz. Dann „nimmt der Bürgersteig die Schritte sanft und stramm in eine rechtswärtige Biegung“ (S. 21), er gelangt in die Gasse, in der Bachmanns früheres Mädchengymnasium lag, noch von Ursulinen, die 1670 die erste Schule für Mädchen einführten. Er schätzt den Fußweg der Mädchen zur Schule auf eher 20 Minuten. Und stellt sich die Frage, wie dieses Mädchen Ingeborg die Zeit des Faschismus erlebt hatte. Kam etwa auch Hitler dorthin? Er kam und auch Goebbels. Es kamen immer wieder Marschierende. Die Straßen wurden umbenannt und mussten nach dem reichsdeutschen Lehrplan gelernt werden. Und es fielen zwei Jahre lang ständig Bomben. Die gesamte Jugend verbrachte die Schriftstellerin im Krieg und viele Jahre mit Todesängsten. Und Johnson folgte einfach ihren Schritten.

Erschienen bei Suhrkamp als Taschenbuch

J

Lieve Joris, 2011: Bagua Cun

Ihren Mut zum Herumreisen in China bezeichnet die Journalistin als Mut der Verzweiflung, obwohl sie manchmal nachts schweißgebadet aufwacht, weil alles so unbekannt ist. „Aber es kommt auch vor, daß in dieser neuen Welt etwas Vertrautes aufblitzt, der Anfang eines Weges, dem ich folgen kann. Bei einem Besuch in Xinhua im Landesinneren besucht sie das Institut für Afrikaforschung, weil sie sich für die Beziehungen zwischen Chinesen und Afrikanern interessiert. Da stand sie also vor einer Giraffe mit einem chinesischen Halstuch von roter Farbe.

Doch ein Joseph von der Elfenbeinküste machte sie bekannt mit Li Shudi, der in Südafrika gelebt hatte. Er erzählt ihr, was ihn an Afrika und den Männern dort fasziniert hatte: „Sie gehen zum Fluß und werfen ihre Angeln aus. Im Grunde ihres Herzens sind sie Nomaden geblieben.“ (S. 128) Diese Gelassenheit hatte ihn besonders fasziniert, „nicht den ganzen Tag herumrennen zu müssen, am Strand entlangbummeln und seinen Gedanken nachhängen zu können“ (ebd.).

Shudi brachte sie auch in das Dorf Bagua Can. Dort herrschte beißende Kälte. „In den Teehäusern umschlossen die Alten ihre dampfenden Tassen mit den Händen“ (S. 129) und ein Kollege erzählte allen, dass er „im Winter mit einer Wärmflasche unter seinen spazierengehe“ (ebd.).

Aus dem Französischen übersetzt von Uta Goridis und erschienen in Lettre International 95, S. 128 - 129

Ganz nach oben

Buchstabe K

K

Franz Kafka: Die Vorüberlaufenden

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben die zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.

Enthalten im Projekt Gutenberg unter Franz Kafka „Erzählungen“.

K

Jaan Kaplinski, 2001: Eis und Heide. Aufzeichnungen eines Wanderers durch nordisches Gelände.

Viel unterwegs ist der estnische Dichter und Journalist und das nutzt er auch, um Steine zu entdecken, in Gebirgen und gern auch in seinem heimatlichen nordischen Gelände. Dafür verzichtet er auch mal auf ein gemeinsames Essen, geht lieber am Strand entlang - auf Steinsuche an der offenen Atlantikküste Irlands (vgl. S. 71). Zusammen mit seiner schwangeren Frau überquerte er früher Bergpässe in Lappland, um die dort vorhandenen weißen Flintsteine mit schwarzen und gelben Flechten darauf zu sammeln. Er kennt die Gesteinsarten in seiner Heimat und weiß, dass die meisten aus der Region des heutigen Skandinaviens sind, genau wie der Sand. Für ihn ist es wichtig, die Heimat zu suchen - mit Hilfe von Steinen, aber auch von Pflanzen. Denn alle Menschen von der Ostsee kamen irgendwann dort an, vielleicht vor etwa zehntausend Jahren …

Erschienen in Lettre International 55, S. 71 - 79

K

Panos Karnezis, 2002: Heilung der Lahmen

Mir war vor der Lektüre nicht klar, wie vielschichtig die Aufgaben eines Paters in einem griechischen Dorf so sein können. Zuerst einmal gelingt es diesem mit viel Einsatz und Geduld, den Bischof zu einem kurzen Zwischenhalt in dem kleinen Dorf zu bewegen. Die Rednerbühne wird er eigenhändig streichen mit der schon eingekauften Farbe - auch wenn er beim Einkauf leider nur an die rote Farbe dachte. Auch der Meßwein stand schon für einen Erfrischungsschluck bereit.

Dann ist nur noch ein kleines Wunder in den Besuchsablauf einzubauen und sogar dieses gelingt: Nachdem der Bischof lachend das Rot der Rednertribüne kommentiert hatte, war Alexandros, der Lahme, nach rund vierzig Jahren dazu bereit, in aller Öffentlichkeit aus dem Rollstuhl aufzustehen und seine Füße langsam auf den Boden zu setzen und zu gehen. Nach Weiterfahrt des Bischofs also Gründe genug für eine ausgelassene Feier im Dorf …

Übersetzt aus dem Englischen von Sky Bonhoff und erschienen im Sammelband „Kleine Gemeinheiten“ S. 133 - 146 bei dtv

K

Hiromi Kawakami, 2001: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Keine Kneipenbekanntschaft, denn der ehemalige Lehrer, der Sensei, und die ehemalige Schülerin Tsukiko kannten sich schon aus der Schule. Das abendliche Treffen bei Thunfisch und Sojabohnen, Bier und Sake wird schließlich zur Gewohnheit und ungefähr entsprechend der Variation der abendlichen Köstlichkeiten entwickeln sich die vorsichtigen Begegnungen schließlich zur stabileren Liebesbeziehung, die auch die Begeisterung für verschiedene Baseballmannschaften aushält.

Zum Glück für die Lesenden sind die beiden durchaus Abwechslungen zugeneigt: Nicht nur dass bei den immer häufigeren gemeinsamen Spaziergängen der Lehrer passende Haikus zitiert. Sie führen uns eines schönen Sonntags auch zum übervollen Achter-Markt mit einem variantenreichen Imbissangebot und in der Kneipe lernen wir die verschiedenen Zubereitungsarten von Tofu und Eintöpfen kennen. Der Kneipenwirt lädt die beiden schließlich zu gemeinsamem Pilzesuchen im Wald ein. Das bedeutete, nach längerer Anfahrt hinaufzusteigen, um zu den besonderen Stellen zu gelangen. „Der Weg war inzwischen kaum breiter als ein Ziegenpfad und wurde immer steiler. Die herbstlich verfärbten Büsche zu beiden Seiten streiften unsere Arme und Gesichter … Ich schwitzte, obwohl die Luft kühl war. Ich treibe ja auch nie Sport. Der Sensei dagegen stieg, seine Mappe in der Hand, locker und zügig den Weg hinauf.“ (S. 43 f.)

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler, erschienen bei dtv

K

Gerd Kempermann im Gespräch, 2018: Gehirne sind zum Gehen da

Dass Gehen das Denken oder Lernen befördert, ist nicht nur eine Anekdote. Allerdings stellt der Neurowissenschaftler Gerd Kempermann den Zusammenhang etwas genauer dar: Er verortet den Hippocampus als die Hirnregion, die auch das „Tor zum Gedächtnis“ genannt werde und die sehr fein auf Rhythmen reagiere (vgl. S. 23). Rhythmen entstehen aus der Regelmäßigkeit von Bewegungen und diese wirken sich auf die Hirnaktivität aus. Es handelt sich um Rhythmen von mittlerer bis höherer Geschwindigkeit. Wichtig scheint ein gleichmäßiges Metrum zu sein, also ein Takt.

Im Gehen sieht er einen einfachen oder den direktesten Weg, „diese Frequenzen für das Gehirn bereitzustellen“ (S. 23).

Kempermann betont, dass evolutionstheoretisch mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden könne, dass „Gehirne gleichzeitig mit der Fähigkeit der räumlichen Bewegung“ entstehen (ebd.). Statt vom Gehirn erscheint es ihm als präziser, von Nervensystemen zu sprechen, die in der Evolution aufkommen, um Bewegung zu ermöglichen. (Vgl. Ebd.) Evolutionstheoretisch ist zuerst der sich bewegende Körper notwendig.

Für die Funktionstüchtigkeit des Gehirns wirke also körperliche Aktivität „unglaublich fördernd, ja sogar lebensverlängernd“ (S. 25). Regelmäßiges Gehen bringt seiner Ansicht nach unbedingt etwas. (Vgl. ebd.)

Das Gespräch wurde geführt von Catherine Newmark und ist erschienen im Magazin „philosophie“, Sonderausgabe 10 „Wandern“ im Juni 2018, S. 22 - 25

K

Alfred Kerr, 1895 - 1900: Was ist der Mensch in Berlin? Briefe eines europäischen Flaneurs

Herausgegeben von Deborah Vietor-Engländer und mit einem Nachwort von Günther Rühle

Alfred Kerr rangierte um die vorletzte Jahrhundertwende unter den „Den musst du einfach kennen!“- Leuten in Berlin. Er jedenfalls kannte alle, die es sich für ihn zu kennen lohnte. Und er schrieb über sie - vor allem für das Feuilleton, gut beobachtend und respektvoll. So schrieb er unter dem Datum 1. Januar 1895 über Theodor Fontane, wie dieser im Winter die Potsdamer Straße entlangschritt, meist dicht an den Häusern, um nicht von allen Bekannten angehalten zu werden und sie begrüßen zu müssen. Fontane fürchtete sich nämlich vor dem Erkälten und hielt sich deshalb auch immer ein grünes Tuch vor den Mund. „Wenn es windig ist, schreitet er rascher und er hält das Tuch fester und höher, bis über den Mund weg.“

Und so beobachtet Kerr die Potsdamer Straße das Jahr hindurch. Am 23. April geht alles langsamer, weil die Bäume die ersten Knospen zeigen. „Die Leute gehen gemächlich, halb matt von der milden Luft, bleiben stehn und sehen hinauf - nach den Knospen.“ Dazu gehört denn auch noch ein passendes Lied, in diesem Fall das sentimentale Berliner Lieblingslied „Es war ein Sonntag, hell und klar“ … Ein Buch voller Details, geprägt von einer der Stadt und den Menschen zugeneigten Beobachtungsgabe.

Erhältlich im Aufbau-Verlag.

K

Sabine Kienitz: Ware Nähe. Ein kulturwissenschaftlicher Gang auf den Wochenmarkt

Zwei der hundert Hamburger Märkte gelten als touristische Sehenswürdigkeiten: Der Fischmarkt in St. Pauli am Sonntag und inzwischen auch der recht große Isemarkt im Stadtteil Eppendorf, einer der größeren unter den vielen Hamburger Wochenmärkten. Wenn gleichzeitig gutes Schuhwerk empfohlen wird, lässt sich schließen, dass da einiges an Wegstrecke zwischen den Ständen abzulaufen ist.

Offensichtlich gehören jedenfalls Märkte inzwischen zum „Branding“ eines Bezirks oder eines Viertels. Sie zählen zum Erlebnisfaktor und zum atmosphäre-orientierten „Erlebnisshopping“ und können „zugleich neue Perspektiven für die aktive Alltagsgestaltung am Wohn- und Heimatort“ entwickeln (vgl. S. 89). Dies gilt letztlich nicht nur Stadtbesuchende, sondern auch für die dort Wohnenden.

Die theoretische Deutung weist darauf hin, dass Marktgeschehen „als die früheste Form einer alltäglich gelebten Öffentlichkeit anzusehen sei“ (S. 42 f.). Ende des 19. Jahrhunderts dagegen galten Wochenmärkte als völlig unzeitgemäß (vgl. S. 45), statt dessen wurde das Ladengeschäft als „originär städtische Errungenschaft gefeiert“ (ebd.). Und nun bemühen sich eben Supermärkte teilweise um mehr Marktambiente.

Für Berlin verschweigen wir an dieser Stelle die schönsten Märkte lieber, es reicht, wenn für die Weihnachtsmärkte geworben wird.

Erschienen in Vokus 2011
Der Text basiert auf einem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung .Konsum, Alltag, Shoppen, Kontrolle. im Wintersemester 2011/12 an der Universit.t Hamburg und nimmt dabei Fragestellungen und Erkenntnisse auf, die im Sommersemester 2011 gemeinsam mit Studierenden im Rahmen des Seminars .Markt-Forschung. am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie entwickelt wurden.

K

Diemut Klärner, 2010: Die richtige Gangart

Welche Gangart wir warum beim Gehen einlegen: Den Fuß vorne mit dem Ballen oder hinten mit der Ferse aufsetzen. Wir können beides - aber meist ist die individuelle Präferenz, zuerst mit der Ferse den Boden zu berühren - im Unterschied zu den meisten Säugetieren. Aber ein Vorteil, sagt die Autorin nach Lektüre der Forschungsergebnisse von vier dazu Forschenden an der University of Utah und der Uni Jena.

Zum Experiment gehörte, sowohl den Bewegungsablauf zu prüfen als auch den Energieverbrauch verschiedener Gangarten zu messen: Auf Zehenspitzen, mit dem Vorderfuß ohne Belastung der Ferse und schließlich zuerst mit der Ferse aufsetzen. Beim Laufen und insbesondere bei hohem Tempo ist diese Art des Bewegungsablaufs von großem Vorteil und es wird auch nicht mehr Energie verbraucht.

Allerdings zeigten die Messungen, dass der Energieverbrauch beim Gehen am niedrigsten ist, wenn zuerst die Ferse aufgesetzt wird. Das Aufsetzen mit den Zehenballen führt zu fünfzig Prozent mehr Energieverbrauch. Übrigens träfe diese Gangart auch für die großen Menschenaffen zu, auch wenn diese wohl nicht so gerne Fußmärsche unternehmen wie menschliche Jäger und Sammler. „Zweifellos hat dieses Wanderleben unsere Entwicklungsgeschichte nachhaltig geprägt.“

Artikel erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.07.2010 mit Bezug auf „The Journal of Experimental Biology“, Bd. 213, S. 790

K

Gabriele Klein, 2010: „Wie geht’s?“ Bewegungswissen des Körpers und der Gesellschaft

Es lohnt sich schon genauer darauf zu achten, wie es zu körperlichen Bewegungen kommt und wie weit diese kopfgesteuert sind. Eine These der Hamburger Soziologin Gabriele Klein am Institut für Bewegungswissenschaft ist, dass die körperlichen Dimensionen des Handelns nicht reflexiv erfolgen, „ … sondern intuitiv über ein verleiblichtes Wissen“ (S. 63). Als Beispiel für die Eigenständigkeit und Widerständigkeit des Körpers greift sie zu Alltagssituationen: So signalisiere der Körper Empfindungen, ohne dass dies so beabsichtigt sei und schon geht beim Fußball der geplante Torschuss daneben. Körperliche Bewegungen seien also nicht immer willensgesteuert und werden nicht von einem zielorientierten Bewusstsein ausgeführt. Allerdings könne er erlernte Körpertechniken situativ abrufen.

In der Philosophie ist der Körper insbesondere bei Phänomenologen ein Forschungsthema. Die Autorin beruft sich auf einige dieser Untersuchungen, wenn sie davon spricht, dass Bewegung sich aus dieser Sicht als ein spezifischer Modus der Sinnstiftung (darstelle), „der sich zwar nicht intellektuell vollzieht, aber grundlegend ein Mensch-Welt-Verhältnis begründet“. (ebd.) Sie greift insbesondere das Konzept von einem „Körper- und Bewegungsgedächtnis“ auf. Denn dieses stelle „die Voraussetzung bereit, situationsadäquat agieren zu können“ (S. 64). Herbert Mead nahm an, dass Bewegungen sprachmäßig in dem Sinne seien, dass sie eine Art Sprachspiel des Körpers wären, nicht von Natur aus gegeben, sondern sozial und - wie die Autorin betont - in einen historischen Zusammenhang eingebettet (ebd.).

Inzwischen beschäftigen sich viele Wissenschaften mit Bewegung als einer Kategorie der Mach- und Gestaltbarkeit. „Körperliche Bewegung wird zu einem psychomotorischen Ereignis erklärt.“ (S. 65) Doch dabei bleibt es nicht, denn in den Zeiten von „Bewegungslosigkeit und körperlichen Passivität“ bedürfe es eines Ausgleichs. Diesen bieten neue Industrien an, die Bewegungsangebote für Freizeit, Sport und Tourismus machen und „den Körper selbst zur Ware erklären und als Bild-Körper, als imaginäre Figur, vermarkten“. (S. 66)

Der keinesfalls tröstlich zu verstehende Schluss der Überlegungen der Autorin ist, dass das flexible, mobile, nomadische Subjekt zur Leitfigur erhoben sei (vgl. ebd.).

Erschienen in: Journal für Philosophie der blaue reiter 29: In Bewegung, S. 63 - 66

K

Natalja Kljutscharjowa, 2009: Nahverkehrszüge

… wenn alle Gefühle barfuß kämen, ließe für die Autorin auch die Trägheit nach: „Der Mensch erhebt sich aus seinen gewohnten Bahnen und erblickt vor sich die große, unerwartete neue Welt.“ Er versteht, dass er jemand ganz anderer ist, viel sympathischer, freier und leichter. Wie ein Rollstrauch …
Du kannst einfach aufstehen und weggehen. Einfach so.

Und dann geht es auf abendliche Straßen, in menschenleere windige Gassen, auf einen mit Laub zugewehten Bahnhof, in den herbstlichen Park ...
Nicht zurückschauen. Nicht zurückkehren …

Als Gedicht erschienen in: Junge russische Literatur, Taschenbuch bei dtv, München, S. 70 - 73

K

Gudrun M. König, 2010: Spaziergang

Der knappe historische Rückblick wendet sich der Schule des Aristoteles zu, denn zu seiner Zeit hielten die Wandelhallen Einzug in das Unterrichten, die „Verbindung von Körperbewegung und Denkbewegung“ wurde gepflegt (Peripatiker war die Bezeichnung für die Anhänger dieser Lehre).

Der Begriff Spaziergang unterscheidet sich von dieser Lehre mit den Bedeutungsanteilen des Müßiggehens, des Geselligen, der Naturbeobachtung und der Gesundheitsvorsorge. Schon im Mittelalter wiesen die klassischen Gesundheitsbücher jener Zeit auf Bewegung als Element der Gesundheitspflege hin (vgl. S. 85). Spaziergang könne sich außerdem auf den Ort des Spazierengehens beziehen. Zur Etymologie vom Lehnwort Spaziergang verweist die Autorin auf die italienische Herkunft von spazieren (spaziare = im Raum ausbreiten). Eine andere romanische Ableitung ist „promenieren“. Interessant ist der soziale Bezug von Spatzieren (oder Gassatum gehen) auf das „studentische Herumziehen auf den städtischen Straßen und Gassen am Abend und in der Nacht als Element einer studentischen Gesellungskultur im 16. Jahrhundert“. Es markierte „symbolische Besetzungsrituale des städtischen Raums“ (ebd.).

Diese Erkenntnisse breiteten sich in vielen - vornehmlich als Arbeitsstädte entstandenen - Städten Europas aus und es wurden nachträglich begrünte Boulevards (sprachverwandt mit Bollwerke) angelegt wie in den Handelsstädten Antwerpen und Lucca. In London dagegen entstanden im 17. Jahrhundert Vergnügungsparks vornehmlich für die städtische Elite - übrigens genau wie die Badeorte. Auch im Frankreich vor der Revolution gab es klassenbezogene Parkanlagen mit Besuchserlaubnis. Erst nach 1789 entwickelten sich Formen eines „genuin bürgerlichen Habitus, zu dem auch der Spaziergang gehörte: mit Promenadenmode und Verhaltensstandards“.

In Berlin erfolgte für den Tiergarten als vordem fürstlicher Garten im Jahr 1742 eine vergleichbare Öffnung für das Publikum. Doch mit der Zeit forderte das Bürgertum nicht nur eine Erlaubnis, sondern forderte Spazierengehen als Recht. Es erfolgte eine Ideologisierung und soziale Differenzierung des Spazierengehens, nachdem Massenverkehrsmittel das zu Fuß Gehen scheinbar überflüssig gemacht hatten.

in: Journal für Philosophie der blaue reiter 29; In Bewegung. Philosophie der Veränderung S. 85 f.

K

Johann-Günther König, 2013: Zu Fuß. Eine Geschichte des Gehens. Reclam

Solche handlichen Mitnehmbücher lobe ich mir und dann auch noch verfasst in einem angenehmen Rhythmus von menschheitsgeschichtlichem Weitausholen und dann wieder genauerem Vertiefen in gesellschaftlichspolitische Details wie das Straßenverkehrsrecht und seine vielen Einschränkungen für zu Fuß Gehende. Das historische Aufdröseln von Einsatz und Bewertung des zu Fuß Gehens und die Themen, die sich heute stellen in Bezug auf Menschen, die gern und viel zu Fuß gehen möchten - und dies nicht nur geduldet und möglichst am Wochenende im Wald. Da ist es gut, dass die „Europäische Charta der Fußgänger“ gleich zu Beginn vorgestellt wird.

König hält ein offensichtliches Plädoyer für das Gehen und er weist auf Gefahren hin, dass diese Fähigkeit einigen Wirtschaftslenkenden als überflüssig für den Wirtschaftsstandort erscheinen könnte. Auch wenn das Gehen gerade von größeren Menschengruppen immer wieder in ‚aufrührerischer Absicht‘ eingesetzt wurde, steht dem doch noch einflußreicher die Industrie mit dem Interesse an der Entwicklung neuartiger Verkehrsmittel und deren Zeiteinsparpotential entgegen.

Bestimmt alle Lesenden werden Textstellen finden, die sie besonders reizen oder berühren. Meine Stelle war der tröstliche Hinweis, dass „ein durchschnittlicher Fußgänger … ausreichend Kraftreserven (hat), um bei längeren Strecken nicht gleich zu erschöpfen. Das benötigt er auch für die notwendige Orientierung, besonders aber dann, wenn er sich verlaufen hat.“ (S. 22) König stellt auch gleich noch ein Experiment vor zu „Richtungsinformationen, die unserem Gehirn durch die Sinnesorgane geliefert werden“ (ebd.).

Unangenehm ist nur die fast durchgehend maskuline Schreibweise: Für eine eventuelle Neuauflage wäre eine Anpassung des Textes an eine gendergerechtere Schreibweise angemessen.

K

Inès A. Kramers-de Quervain, Edgar Stasi, Alex Stacoff (PDF): Ganganalyse beim Gehen und Laufen

Das Forschungsteam befasst sich am Institut für Biomechanik der ETH Zürich mit dem Messen und den unterschiedlichen Messmethoden von Gehen und Laufen. Ziel ist, die Funktionalität des Bewegungsapparates zu quantifizieren und dafür unterschiedliche Messsysteme und Messmethoden zu entwickeln. Denn für Therapieplanungen sind sorgfältige Ganganalysen eine wichtige Grundlage, da sie komplexe Zusammenhänge zwischen Bewegungen aufzeigen. Als Normwerte für Erwachsene gelten so zwischen 105 bis 130 Schritten pro Minute bei einer Ganggeschwindigkeit zwischen 1,2 bis 1,5 Meter pro Sekunde. Weniger als 80 Schritte pro Minute bedeuten nicht nur langsames Gehen, sondern ermöglichen auch kein gleichmäßiges Gehen mehr, umfassen also Stehenbleiben o.ä..

Interessant ist auch die Information zum normalen physiologischen Gehen, dass dieses gekennzeichnet sei „durch das Auftreten der Ferse“, „wogegen im Laufschritt der erste Bodenkontakt über die Ferse oder den Vorfuss erfolgen kann“.

Erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für „Sportmedizin und Sporttraumatologie“ 56 (2), 35 - 42, 2008, zu finden im Netz auf der Webseite researchgate.net (join for free).

Ganz nach oben

Buchstabe L

L

Jacques Lacarrière, Gaele de la Brosse, 2006: Umherschweifen.

Für den Hellenisten Lacarrière (1925 - 2005) war das Reisen mit Vergnügen und freier Wahl verbunden - im Unterschied zu vielen anderen Typen des Reisens, die er charakterisiert.

Ein Kennzeichen seiner Art des Reisens ist, dass nichts an ihr vorbereitet oder geplant wird. Und er macht diese Reise zu Fuß. Beides Voraussetzungen dafür, dass „diese Art von Reise stets reich an Lehren und Erkenntnissen (ist), weil sie reich an unvorhergesehenen Begegnungen ist, mögen sie angenehm oder unangenehm sein. Diese Art von Reise mache ich - das ist wesentlich - zu Fuß“. (S. 46)

Zufall und freie Wegwahl führen dazu, dass sich die Zeit ändere, sich anders anfühle, viel mehr als Entfernung oder Raum. „Selbst wenn nichts sonderlich Bemerkenswertes oder Außerordentliches geschieht, wird man, ob man will oder nicht, durch die Langsamkeit und die Natur dieser Fortbewegungsweise verändert.“ (Ebd.) Um dies auszudrücken, wählt er das französische Wort musarder - übersetzt mit umherschweifen. Er dachte sich einfach die Musen mit hinein in den Begriff und so empfand er ihn als noch freier. Das hielt er für wichtig, weil für ihn unterwegs sein bedeutete „unablässige Begegnungen“ zu haben. Solche Begegnungen können menschlich, tierisch, landschaftlich, klimatisch oder einfach poetisch oder mit sich selbst sein …

Das wandernde Gehen, das Wegefinden war für ihn ein „Synonym für Freiheit, Offenheit für unzählige Begegnungen wie für die tausend Unwägbarkeiten der Reise. (Ebd.)

Übersetzt aus dem Französischen von Esther von der Osten und erschienen in „Lettre International“ 73, S. 46 - 48

L

Alexandre Lacroix, 2018: Psychogeografie. Die Kunst des Umherschweifens

Der Philosoph und Herausgeber eines französischen Philosophiemagazins stellt den Begriff der Psychogeografie vor, der erstmals 1958 in einem Text von Ivan Chtcheglov verwendet wurde, als dieser über die „Formel für einen neuen Urbanismus“ schrieb. Für ihn war es Selbsterkundung, durch die Stadt zu spazieren, „denn in jedem Ort haben sich Schichten unserer affektiven Erinnerungen abgelagert. Hier ein Café, in dem man bis spät in die Nacht mit Freunden diskutierte, …“ (S. 52) Aber jeder Ort habe seine ganz eigenen Geister, die ihn heimsuchen.

Der Begriff des „Umherschweifens“ drücke für ihn eine Verbindung zwischen uns und allen möglichen Energien aus …

Um die Verfeinerung ging es dem zweiten Vordenker der psychogeografischen Methode Guy Debord. Er entwickelte eine „Theorie des Umherschweifens“, die 1956 in einer belgischen Zeitschrift „Les Lèvres nues“ vorgestellt wurde. Er sieht darin ein konstruktives Spielverhalten, entgegen klassischen Begriffen von Reise und Spaziergang. Der Willen zu einer Handlung übernimmt dabei eine gestaltende Funktion, während der Zufall eher dazu führt, immer wieder „an seine Lieblingsorte“ zurückzukehren. „Wer wahrhaft Neues entdecken will, muss sich dem Schicksal widersetzen!“ (S. 53)

Aus dem Französischen von Danilo Scholz und erschienen in Philosophie Magazin, Sonderausgabe „Wandern. Die Wege der Gedanken“, 2018, S. 52 - 53

L

Jules Laforgue, 1887: Berlin, der Hof und die Stadt

Immerhin wählte der Berliner Hof zu Kaiserzeiten seine Kritiker selbst aus: Als ein Artikel des ehemaligen Vorlesers der deutschen Kaiserin Amédie Pigeon im „Figaro“ erschien, der einige „recht unfreundliche Ansichten“ enthielt, war als dessen Nachfolger schon Jules Laforgue im gleichen Amt eingestellt. Die Hoffnung, dass dieser so zurückhaltend war, wie er schien, erfüllte sich nicht ganz - aber erst einmal wirkte er so.

Die genauen Beobachtungen des Autors beschränkten sich nicht auf den Hof, sondern umfassten auch das Stadtleben - immer aus der vergleichenden Perspektive auf seine Heimat Paris: Er vermisste die Farben, die Eleganz, die Vielfalt der Pariser Geschäfte und ihrer Gestaltung, die Vielfalt an Zeitungen und mehr.

Und er kam zu dem Ergebnis: „Der Deutsche, selbst der Berliner, ist kein flâneur.“ (S. 70) Schränkt aber dann ein, dass er kein „Flaneur von Profession“ sei (vgl. ebd). Aber man lese nicht auf der Straße, die Cafés hätten keine Terrassen auf den Gehsteigen, er habe keine Straßenkonditoreien gesehen. Statt dessen würde auf der auch noch spät abends belebten Friedrichstraße um elf Uhr - unter Einsatz von Bürstenwagen - der Staub gekehrt.

Und er erlebt den niveaulosen Kampf auf den Gehsteigen: „Auf den Straßen in Berlin wird man öfter gestoßen und getreten, als es selbst auf einem schmalen Gehsteig unvermeidlich wäre, und die Leute entschuldigen sich nicht bei Ihnen. Wenn aber umgekehrt ich einem Herrn, der vor mir geht, absichtlich auf die Fersen trete, so dreht sich der nicht einmal um. Wenn eine Dame angerempelt wird, tut sie nicht dergleichen.“ (S. 110)

Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Anneliese Betont, erschienen als Insel-Bücherei Nr. 943, 1970

L

Emma Larkin, 2008: Der Birmanische Elefant. Militärmacht und Realitätskontrolle - Anatomie einer Unterdrückung,

Die Autorin reist nach Birma, nur wenige Tage nach dem brutalen Militäreinsatz 2007 in der Hauptstadt Rangun gegen die andauernden Protestmärsche birmanischer Mönche sowie gewöhnlicher Bürger. Damit einher ging die Abschaltung der Internetserver im Land. Tausende von Menschen wurden in Lager gebracht. Die Nachrichtensperren setzten ein. Und immer noch berichten Menschenrechtsorganisationen von Zwangsarbeit und Zwangsumsiedlungen. Das Auswärtige Amt weist auch aktuell noch darauf hin, dass bei Demonstrationen in größeren Städten des Landes die Gefahr bestehe, dass sie von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst würden.

Bei ihrer damaligen Ankunft allerdings konnte die Autorin erst einmal nur wenige Indizien für die Auseinandersetzungen erkennen. Fast erschien es ihr, als sei nie etwas geschehen: Vor den Teeläden saßen Männer in Gruppen, sie rauchten und plauderten. Die Bürgersteige waren voll mit Marktständen. Die rostenden Taxen und Busse fuhren dicht an dicht. Es gab allerdings zusätzliche Wachposten. Erst mit der Zeit fiel ihr die wichtigste Veränderung auf: Es fehlten die Mönche in ihren blutroten Kitteln, denen man sonst überall im Land begegnet. Im Gänsemarsch waren sie sonst bei Tagesanbruch durch die Stadt gezogen, um Almosen zu sammeln, und den ganzen Tag über waren sie zwischen den verschiedenen Klöstern umhergegangen. (Vgl. S. 63)

Erschienen in: Lettre International, 81, 2008, S. 63 - 65

L

Harper Lee, in den 50ern: Gehe hin, stelle einen Wächter

Alabama in den 50er Jahren, ein kleiner Ort im fiktiven Maycomb County - orientiert an der realen Vorlage von Monroe County, der Gegend, in der die Autorin aufwuchs.

Die junge Heldin Jean lebt in New York und verbringt die Sommerferien bei ihrem Vater im Elternhaus. Jean beginnt immer wieder Gespräche über den Rassismus, den sie in der Gegend beobachtet, aber auch über die Rolle, die Frauen zugewiesen wird und die ihr nicht passt.

Ein Erlebnis im Gerichtssaal, an dem ihr Vater und ihr Freund Henry teilnahmen, erschütterte sie. So sehr, dass ihr so übel wurde und dass sie vom Zuschauerbalkon den Gang entlang stolperte. Sie ging die Hauptstraße durch den Ort: „Sie ging die Eingangsstufen hinunter und in den Schatten einer Virginia-Eiche. Sie streckte einen Arm aus und lehnte sich an den Stamm. …Verschwinde , sagten die alten Gebäude. Für dich ist hier kein Platz. Du bist nicht erwünscht. Wir haben Geheimnisse. Sie gehorchte ihnen und ging in der stillen Hitze Maycombs Hauptstraße hinunter … Sie ging weiter, vorbei an Häusern mit breiten Vorgärten, in denen sich Frauen mit grünem Daumen und langsame dicke Männer bewegten... Sie zählte die Ritzen im Bürgersteig …“ (S. 128).

Aus dem Englischen von Klaus Zimmermann und Ulrike Wasel; erschienen 2015 bei der Deutschen Verlags-Anstalt

L

Henri Lefebvre, 1992: Aus dem Fenster gesehen

Zuerst das Hören von Lärm und Gedröhn, dann Geräusche und schließlich der Rhythmus: Klänge und Quellen werden auseinandergehalten und nach und nach einander zugeordnet. Dazu eignet sich besonders gut ein Balkon, sonst ein offenes Fenster. Zum Beispiel in der Umgebung des Centre Pompidou. Eine Straßenkreuzung mit Ampel regelt auch die Geräusche und Rhythmen. „Wenn die Wagen halten, machen die Leute ein ganz anderes Geräusch: Schritte und Sprechen.“ (S. 87) Wenn es aber Grün wird und sie selbst losgehen, hört das Sprechen auf. Dann wieder eine Sekunde Schweigen und die Autos fahren oder stürmen los.

Der Beobachter bemerkt die strikte Übereinstimmung der linearen Abfolge im Zwei-Minuten-Takt. Hin und Zurück. Dies zu bemerken erfordert Aufmerksamkeit.

„Die Abfolge der Wechsel, der leicht abgewandelten Wiederholungen, deutet an, dass in dieser Gegenwart eine Ordnung besteht, die von anderswoher kommt. Die man aufdecken kann. Wo?“ (S. 90)

Erstübersetzung ins Deutsche 2016 von Mme. Catherine Lefebrve Regulier und erschienen in: Justin Winkler (Hg.),2017: ‚Gehen in der Stadt‘. Ein Lesebuch zur Poetik und Rhetorik des städtischen Gehens. Jonas Verlag, S. 86 - 94

L

Alice Legat, 2012: Walking the Land, Feeding the Fire: Knowledge and Stewardship Among the Tlicho Dene

Die Anthropologin arbeitete ein Jahrzehnt intensiv zusammen mit dem Regional Elders’ Committee im Nordwesten Kanadas an drei Projekten. Es ging vor allem um das Wissen der TIicho oder Tåîchô in Bezug auf das Regieren, auf Elche und auf Orte. Während der Zusammenarbeit erwies sich das Geschichtenerzählen als sehr bedeutsam: Gleichsam ein Begehen von Reiserouten und Stätten vergangener Ereignisse. Sie verstand zunehmend die dahinter stehenden Konzepte, nämlich die Bedeutung der „walking stories“ und das „Hinterlassen von Fußabdrücken“ (leaving footprints).

Das Gehen diente als die Erfahrung, die das Narrativ mit der Aneignung von persönlichem Wissen verbindet. Das Gehen bestätigt die Realität der Vergangenheit in der Gegenwart und reetabliert die Beziehung zwischen Ort, Geschichte und all dem Wissen, das die Einheimischen nutzen. Beim Gehen kann eine Person mit einem Einheimischen vertrauter werden. Es können Situationen entstehen, in denen sie eine intellektuelle Entwicklung machen kann, während sie Wege unter der Führung von Vorgängern bereist, die Fußspuren sowohl folgen als auch selbst wieder welche hinterlassen.

Erschienen 2012 in: First Peoples, New Directions in „Indigenous Studies“, Arizona

L

Patrick Leigh Fermor, 1977: A Time of Gifts. On Foot to Constantinople: From the Hook of Holland to the Middle Danube

Eine Fußreise durch Europa zu machen, anstatt wieder einmal ‚erfolglos‘ eine Schule zu besuchen, ist ziemlich clever. Rucksack, Mantel und gute Schuhe sind die Kernutensilien für den Achtzehnjährigen, hinzu kommen die knappen, aber erst einmal sicheren monatlichen Zahlungen von den Eltern. Er hat es so eilig, dass er seine Wanderung mitten im Winter beginnt, so dass es mit dem Schlafen im Freiem erst einmal nicht wirklich etwas wird. Doch er findet immer wieder Freunde und verschiedene Unterkunftsmöglichkeiten, schon weil er zu Fuß unterwegs ist und deshalb immer wieder in Kontakt mit Leuten kommt. Aber auch so stieg seine Stimmung immer an, wenn er ging: „I could scarcely believe that I was really there; alone, that is, on the move, advancing into Europe, surrounded by all this emptiness and change, with a thousand wonders waiting“. (S. 30)

Unsicherer dagegen wird in dem beginnenden Jahr 1933 die europäische politische Situation mit der Machtübernahme von NSDAP und Hitler in Deutschland. Und ab Grenzübertritt häufen sich für ihn erkennbar deutliche Kennzeichen dieser politischen Veränderung, über die ersichtlich zuerst noch etwas lustig macht. Aber er trifft auch immer wieder auf Menschen, mit denen er sich rasch anfreundet und die ihm auch mal eine Mitfahrt auf einem Lastkahn den Rhein aufwärts bis zum Schwarzwald organisieren. (Vgl. S. 54) Und die traurig sind, als er schon bei Koblenz wieder seine Fußwanderung aufnimmt (vgl. S. 63) …

Erschienen bei John Murray und in deutscher Übersetzung als Taschenbuch bei Fischer mit dem Titel „Die Zeit der Gaben“

L

Irina Liebmann, 2004: Die freien Frauen, Berlin Verlag

Die Rätsel kommen später, zuerst einmal erfahren wir einiges über die wichtige Ich-Erzählerin Elisabeth Schlosser: Sie wohnt direkt am Hackeschen Markt in einem grünlichen Haus und kann von ihrem Schreibtisch aus auf die S-Bahn-Gleise und die Züge schauen. Sie sorgt für ihren Sohn mit Kümmelbrötchen, von denen er inzwischen nur noch die Körner isst, trifft ihre Freundinnen im Café um die Ecke und besucht ihren Vater im Krankenhaus - auch bei heftigem Schneefall. Dies zog sie vielleicht besonders hinaus, denn: ... „auf unberührtem Weiß entlanglaufen, Fußspuren hinterlassen im Park Monbijou, die Erste sein, die über Wege läuft …“ (S. 18). Sie wendet sich sogar hin und wieder um, um die Abdrücke ihrer Schuhsohlen im frischen Schnee zu betrachten.

Sie denkt es sich schon, dass Ihr Vater wieder nicht auf ihre Fragen antworten wird: Ob er eine Olga kannte, worin bestand sein geheimes Leben, warum die Flucht aus Berlin nach Moskau? Und plötzlich ist es klar, sie wird nach Katowice fahren, vermuteter Schlüsselort der Geheimnisse. Und so erläuft sie sich Schritt für Schritt Erinnerungsbilder, die sich nach und nach als Fetzen einer verborgenen und verschwiegenen Familiengeschichte erweisen …

L

Asa Lind, 2002 - 2004: Alles von Zackarina und dem Sandwolf

Zackarina ist das Mädchen und dann sind da noch Papa und Mama, alle wohnen zusammen am Meer. Da am Meer ein Strand mit viel Sand liegt, wohnt dort auch ein Sandwolf. Und Zackarina ist mit dem Sandwolf sehr befreundet. Da war es klar, dass sie einmal, als Mama und Papa sich stritten, ihren roten Rucksack nahm und zum Strand ging: „Sie kletterte über Stock und Stein, und da war sie am Ende des Pfades angelangt. Hier waren der Strand, das Meer und der Himmel, und mitten in allem sauste der Sandwolf herum.“ (S. 268)

Er hatte wie immer viele Ideen, wie er Zackarina helfen, konnte, und stellte viele Fragen, die sie sich noch nicht gestellt hatte - zum Beispiel, wie sie es ohne Socken am Nordpol aushalten wolle. Am besten aber war, dass er ihre Spuren mit Sand verwischen und sie bei Bedarf auch wieder aufdecken konnte. Das war schon sehr hilfreich und führte zu einem guten Ende …

Aus dem Schwedischen übersetzt von Jutta Leukel und erschienen 2008 bei Gulliver.

L

Richard Long, 1967: A Line Made by Walking

Bekannt wurde Richard Long als der "romantische Wanderer" der Land Art. Denn er durchwanderte die Natur, legte dabei Strecken mit unterschiedlichen Linienführungen zurück, fotografierte diese oder machte Zeichnungen, verwendete auch die vorhandenen Naturmaterialien wie Tannennadeln, Steine oder Zweige. Unter den ersten dieser Werke entstand die Arbeit „A Line Made by Walking“. Mit seinen Schritten trat er eine Linie ins Gras und fotografierte anschließend das Ergebnis.

Damit begann er eine Reihe von lyrischen Land Art-Arbeiten zu seinem Schlüsselthema der „Spur in der Landschaft“. Doch er machte nicht nur Wanderungen in England und dort auch nicht nur - wie er sagt zufälligerweise - in geschichtsträchtigen Naturdenkmälern. Er unternahm zunehmend auch Wanderungen in Irland, Australien, im Himalaya. Immer wieder hinterließ er schlichte Skulpturen oder Markierungen, mit der Spur in der Landschaft als Schlüsselthema.

Damit erweiterte er das Verständnis für die Gattung „Skulptur“, denn sein rasch vergänglicher Eingriff in die Natur war teilweise minimal.

Ganz nach oben

Buchstabe M

M

Robert MacFarlaine, 2012: The Old Ways. A Journey on Foot

Eines Winterabends beim ersten Schnee steht es fest: Er wird die alten Wege gehen. Die Familie kennt seine Leidenschaft und der Hund kommt mit. Als dann In Cambridge Hochschulferien sind, nimmt der Ich-Erzähler seinen Rucksack, Mountainbike und bricht mit dem Hund auf. Nach kurzer Zeit gelangt er schon an einen der vielen alten Pfade, die es in England gibt, und die häufig eine besondere, historische oder auch esoterische Markierung haben wie Steinhaufen, Sandsteinblöcke, Meilensteine oder Cromlechs (druidische Steinkreise). In sumpfigen Gebieten wird weiße Kreide zur Kennzeichnung sicherer Pfade verwendet.

Für Wandernde sind solche Zeichen nicht nur eine Hilfe, sondern sie werden auch zur Verlockung: Die Imagination wird angelockt vom Weg vorwärts im Raum, aber auch vom Weg in die Vergangenheit, hinein in die Geschichte einer Route und deren Nutzenden. (Vgl. S. 15)

Der Autor hat noch eine andere Hilfe zur Orientierung, nämlich das Reisebuch „The Icknield Way“ von Edward Thomas aus dem Jahr 1913, das neben der Beschreibung seiner Wanderung und des Weges mit schönen eigenen Zeichnungen ausgestattet ist (bei Google zu sehen und auch herunterzuladen).

Bei seiner eigenen Wanderung war der Autor nur am ersten Tag noch mit dem Mountainbike unterwegs, denn gleich am zweiten Morgen kam es zu einem Sturz, das Fahrrad musste zur Reparatur und er ging dann doch zu Fuß weiter - um bald auf eine nächste nicht so schöne Überraschung stoßen. Doch auch für deren Überwindung findet er Lösungen …

Der Icknield Way Path aus der Perspektive von Gehenden ist in einem sehr ansprechenden Film bei you tube eingestellt: https://www.youtube.com/watch?v=AlAfVZBe19I&feature=youtu.be Dabei lässt sich gut sehen, was Menschen in der Gegend tun, um den Weg zu erhalten und zu schützen.

M

Ann Mah, 2016: Elena Ferrante’s Naples, Then and Now

Eine gute Gelegenheit nach Neapel zu reisen, um für die New York Times zu Elena Ferrantes Werk zu recherchieren und zu schreiben, denn deren vierbändiger Romanzyklus über zwei langjährige Freundinnen handelt vor allem in Neapel.

In den verschiedenen Vierteln der Stadt des Geschehens begab sich die Autorin auf die Spuren der für die beiden Heldinnen und deren Geschichte bedeutsamen Orte. Eine Möglichkeit, die Autorin selbst zu treffen bestand nicht, denn diese möchte ihre Identität nicht preisgeben.

Aber sie fand einen einfachen anderen Weg, der Autorin und der Stadt näher zu kommen: Die genauen Schilderungen von Stadtvierteln und wichtigen Orten Neapels ermöglichten ihr eine recht gute Orientierung, um konkrete Orte zu erkennen und einzelnen Kapiteln zuzuordnen. Sie ging durch die Stadtviertel und suchte die Schule. Sie fand auch die Konditorei, versteckt zwischen Renaissancekirchen, genoss die Aussicht auf den Hafen und entdeckte vor allem die großen sozialen und damit auch baulichen Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtvierteln und den dort möglichen Lebensweisen …

Erschienen In The New York Times: Footsteps, 2017, S. 197 - 202

M

Andreas Mayer, 2013: Wissenschaft vom Gehen. Die Erforschung der Bewegung im 19. Jahrhundert.

Es geht in dieser wissenschaftsgeschichtlichen Arbeit tatsächlich um das Denken über das Gehen, das Experimentieren, Messen, Zeichnen und nicht zuletzt natürlich das Beobachten. Da saß dann beispielsweise Honoré de Balzac in einem Café auf dem Boulevard de Gand und beobachtete die zu Fuß Gehenden. Ihn interessierte besonders die Gangart, die als „Physiognomie des Körpers“, als „pensée en action“ (Balzac: „Theorie de la Demarche“, S. 97) galt. Er zog aus der jeweiligen Gangart sogar Schlussfolgerungen für die individuellen „menschlichen Tugenden und Laster, Arbeitsgewohnheiten und Krankheiten“ (ebd.).

Mit Fernrohren beobachteten kurze Zeit später die Brüder Weber, beide Wissenschaftler, die Menschen beim Gehen, sie machten verschiedene Messungen und Experimente, die Erkenntnisse in der physikalischen Mechanik lieferten. Sie setzten das Pendel ein und erhoben es zum Leitbild ihrer Theorie des Gehens. (Vgl. S. 107) Bald wurde der natürliche Gang für die Maschinenlehre entdeckt. Zeitgleich warb der Turnvater Jahn 1816 für das Gehen und nannte vier Kriterien für den guten Fußgänger: „Ein guter Gänger muß mit Anstand: zugleich Schnelle und Dauer verbinden und die Örtlichkeit - Berg und Tal, Sand und Lehm - nicht achten.“ (S.109)

Eine gewisse Nähe zu militärischen Anforderungen wird bei der Darstellung nicht verheimlicht. Viel entscheidender für die gesellschaftliche Entwicklung schien die Nutzung dieser Kenntnisse über die menschliche Gangart für die Maschinenlehre und den Maschinenbau. So wurde erwartet, dass ein genaueres Wissen über den Mechanismus des Gehens „grossen Vortheil für die Erfindung neuer auf das Fortkommen berechneter Maschinen werde ziehen können, welche auch in unwegsamen Gegenden (…) ihren Zweck erfüllen werden“ (S. 113).

Erwartungen, deren Nichterfüllung bis heute einen Richtungswechsel der Forschung anmahnen.

Erschienen in Frankfurt bei S. Fischer Wissenschaft

M

Abdelwahab Meddeb, 2004; Schmugglerpfade, in Lettre International 67, S. 7 - 8

„Der Fuß stolpert auf dem Schmugglerpfad, nichts als Steine und Risse, die die ausgetretene Erde aufschlitzen, ich tänzle über sie hinweg, um den Pfützen auszuweichen, ohne die Marschlinie des stummen Gänsemarschs zu unterbrechen …“ (S.7) so erlebt der Autor die Route, die zwischen den zwei Kontinenten zu einer Verbindung führt, die Menschenschmuggel ermöglicht. Von Tanger über das Meer waren 12 Kilometer zu überwinden, für diejenigen, die davon vor einem Jahrzehnt träumten, für Marokkaner oder aus dem Inneren Afrikas Angekommene Was wird aus jenen, denen es gelingt, die Meerenge des Nachts auf abenteuerlichen Booten zu überqueren? Und er folgt eines Tages bei Anbruch der Nacht als Spaziergänger dem Schmuggelpfad aus der Stadt, „angeführt von einer jungen Photographin, die einen Teil ihrer Kindheit in einem Haus an der Steilküste verbrachte, bei dem ein solcher Schmugglerpfad begann“ (S. 7). Nachdem sie verstanden hatte, was dort vorging, verbündete sie sich mit Kandidaten der heimlichen Auswanderung. Später traf sie einige der Überlebenden in Marseille wieder - unter schwierigsten Bedingungen (…) vielleicht schon mit der Erkenntnis, dass der Schatz nirgendwo ist, ein Wissen, das sie dazu bestimmt umherzuirren, Irrgärten und Labyrinthe zu durchlaufen , Grenzen zu überschreiten, von einem Kontinent zum anderen zu nomadisieren … (vgl. S. 8).

Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek, Eröffnungsrede zur Preisverleihung des Lettre Ulysses Award 2004 Anfang Oktober in Berlin

M

Georg Mein, 2010: Denken in Bewegung. Vom Finden des Nichtgesuchten

Für den Autor ist das Flanieren ein vom Zufall bestimmtes Gehen und das macht es so frei. Es sei nicht darauf ausgerichtet, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Damit spekulieren Flanierende auf das Glück, das sch im Finden des Nichtgesuchten einstelle. Deshalb ist es für sie grundsätzlich wichtiger zufällig etwas zu sehen, ohne es zu suchen. Dabei können die alten Wege gegangen werden, die sie eigentlich schon kennen. Doch Erinnerung sei eben ein Vergegenwärtigungsprozess - sowohl zeitlich als auch räumlich. Der Autor bezieht sich damit auf Walter Benjamin, dessen Bild von „Sohlen, die erinnern“. Zu diesem Gedanken schrieb Cees Nooteboom einen Essay mit dem Titel „Die Sohlen der Erinnerung“. Darin wird ausgeführt, dass Flanierende Künstler seien, auch wenn sie nicht schrieben, weil sie zuständig für die Instandhaltung der Erinnerung wären. Damit verschwende der Flaneur das kostbarste Gut, nämlich die Zeit. (Vgl. S. 38).

Der Müßiggang des Flanierens ermöglicht es, von Dingen, die er nicht sucht, aber findet, überrascht zu werden. (Vgl. ebd.) Wer Pippi Langstrumpf gelesen hat, weiß, worum es geht - nämlich Sachen zu suchen. Pippi Langstrumpf findet Sachensuchen sehr wichtig, deshalb hat sie immer etwas zu tun: „Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet.“ (S. 38)

In: Der blaue Reiter 29 - In Bewegung, S. 35 - 38

M

Lucía Melgar, 2015: Andar el país, la calle (Durch das Land zu gehen und die Straße)

Rückblickend auf ihre Kindheit in Mexiko, als sie noch das Gefühl von Freiheit spüren konnte, wenn sie durch einen Wald ging und höchstens die Angst hatte sich zu verlaufen, stellt die Autorin fest, dass dies alles nicht mehr existiert. Diese Vergangenheit erscheint nun als Nostalgie, vielleicht phantastisch, wenn sie eine kleine Straße im Zentrum betritt oder eine Häuserruine sieht.

Für sie heißt „in einem Land zu leben, darin zu gehen, auf dessen Straßen zu laufen, durch die Stadt zu gehen, Mexiko Stadt, durch einen Park zu schweifen, auf einen Berg hinaufzugehen, eine Lagune zu bewundern“. (S.1, eigene Übersetzung) Ihr erscheint die Gegenwart nun fremd, die Zukunft unsicher.

In dieser Gegenwart bemerkt sie stattdessen, dass sie beim Gehen auf den Boden schauen muss, um Schlaglöcher oder Steine zu meiden. Die Stadt erscheint ihr als feindlich und bei jedem Schritt irritierend. Grau und erstickend voll mit Autos. Sie scheint die Bäume und die Spuren der Vergangenheit zu hassen. Durch die Stadt zu gehen, bedeutet täglich wieder auf die Ungleichheit zu stoßen, auf Elend, Korruption und obszönen Luxus, auf drogensüchtige Jugendliche an den Ausgängen der U-Bahn.

Vieles von dem, was sie in Mexiko-Stadt sieht und empfindet, gilt ähnlich auch in anderen Städten und Gegenden des Landes. Besonders berühren sie die seit Jahrzehnten schon straflosen Morde an Frauen, die besonders häufig im nördlichen Grenzgebiet zu den USA sind, und sie wünscht sich, dass es endlich für alle möglich wird, in Frieden zu leben und zu gehen.

Erschienen 2015 in der Zeitschrift Nexos - www.nexos.com.mx

M

Jennie Middleton, 2010: Sense and the city: exploring the embodied geographies of urban walking

Ausgangspunkt der Fußgängerpolitik in England ist, dass Gehen eine nachhaltige Art des Transports sei, gut sowohl für den Körper als auch für den Geist. Allerdings - so der Einwand der Autorin - unterstellt diese politische Diskussion zumeist, dass Gehen immer gleich sei und eine selbsterklärende Transportart. In wissenschaftlichen Untersuchungen würde das Gehen sehr theoretisch betrachtet und empirische Untersuchungen zu den Praxen der Zu-Fuß-Gehenden würden vernachlässigt.

Middleton weist darauf hin, dass die Erfahrungen derjenigen, die täglich in der Stadt unterwegs sind und dort ihren Weg aushandeln und die Straßen nutzen nicht so genau betrachtet und ausgewertet würden. Ihr Vorschlag ist, sich damit zu befassen, was genau die Praktiken und Erfahrungen der zu Fuß Gehenden sind. Für das Untersuchungsdesign schlägt sie zur Datenerhebung Tiefeninterviews und die Erstellung eines Fototagebuchs vor. Damit entstünden Einblicke in unterschiedliche Stile und Konventionen des Gehens in der Stadt und wie diese dann mit den Körpergefühlen und der Materialität der Stadt verbunden sind. Dazu sollten Stadtplanung und Politik für zu-Fuß-Gehende sowie Urbanistik und Sozialtheorie zusammenwirken.

Erschienen in der Zeitschrift „Social & Cultural Geography“, Volume 11, 2010, 6

M

Marlo Morgan, 1991: Traumfänger.
Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines

Auf eigene Initiative und Bemühungen hin wird die Autorin von einer australischen Stammesgruppe aus dem „trockenen Herzen des australischen Busches“ eingeladen, sie zu besuchen. Weitere Informationen erhält sie erst vor Ort: Ablegen von allem Unnötigen, vor allem von ihren hochhackigen Schuhen, Kleidung, Ausweis und Kreditkarte, von den Haaren durch Glattrasur und von jeglichem Informationsvorsprung. Sie läuft mit. Für drei volle Mondzyklen.

Schon bald spürt sie stechenden Schmerz in ihren Füßen, entdeckt überall Stacheln und Dornen in der Haut. Der Ratschlag ihrer Wandergefährtinnen ist, den Schmerz ertragen zu lernen, die Füße würden sie später versorgen. (Vgl. S. 38) Als Medizinerin kann sie auch mit dem Ratschlag viel anfangen, die Aufmerksamkeit auf anderes als den Schmerz zu lenken. Bei der Rast für das erste Nachtlager erhält sie die Hilfe einer älteren Frau, die die wunden, schmerzenden Füße mit einer Salbe einreibt und massiert. Mit dem dabei gesungenen Lied entschuldigt sich die Heilerin bei den Füßen und bittet sie, besonders stark und widerstandsfähig zu werden … (Vgl. S. 44)

Aus dem Amerikanischen von Anne Rademacher und als Taschenbuch erschienen bei Goldmann

M

Karl Moritz: Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782 - In Briefen an Herrn Direktor Gedike

Genau 41 Tage - vom 31. Mai bis zum 18. Juli 1782 - hielt sich Karl Moritz in England auf und gab dabei in seinen Briefen umfassende Berichte über seine Abenteuer. Er hatte sich sehr nach dieser Reise gesehnt und ist sofort eingenommen von dem milden sanften Grün der Landschaft - auch wenn er von einem anhaltenden Regenguss begrüßt wird. Mit einem Freund zusammen macht er sich zuerst zu Fuß auf den Weg, bewundert die paradiesische Gegend und die netten Bauernhäuser. Auch die erste Fahrt mit einer Postchaise gefällt ihm und seinem Begleiter, vor allem die ländlichen Gegenden, die sie durchfahren. Sehr beeindruckt von London nutzt er jede Gelegenheit die verschiedenen Viertel kennenzulernen. Er schätzt den „mit breiten Steinen gepflasterten Weg an beiden Seiten der Straßen, wo man vor der entsetzlichen Menge von Wagen und Kutschen auf den Straßen so sicher ist, wie in seiner Stube; denn kein Rad darf nur um einen Fingerbreit hinüberkommen“. Er beschreibt immer wieder Details - beispielsweise einen Leichenzug, der ihn auf der Straße überraschte. Am Abend staunt er über die Beleuchtung und vergleicht diese recht genau mit dem viel sparsameren Umgang mit Licht in Berlin. Es freut ihn auch, wie gesund und munter die englischen Knaben im Freien herumlaufen, was er auch an der braungebrannten Haut festmacht. Nach den ersten drei Wochen in London entschied er sich, aufs Land zu fahren, da er sich dort mehr Freiheit und Sicherheit versprach. Und tatsächlich gefiel ihm die Landschaft auf dem Weg nach Richmond außerordentlich, mehr noch ein einsamer abendlicher Spaziergang, bei dem er das weiche Grün unter seinen Füßen spürte und all seinen Kummer vergessen konnte.

Dieses schöne Erlebnis sollte sich nicht ganz fortsetzen, denn bald musste er „schon so manches Ungemach als Fußgänger erfahren“ und er schrieb später seinem Freund: „Ein Fußgänger scheint hier ein Wundertier zu sein, das von jedermann, der ihm begegnet, angestaunt, bedauert, in Verdacht gehalten und geflohen wird.“

Enthalten im Projekt Gutenberg bei Spiegel Online

M

Toni Morrison, 2012: Heimkehr

Mit 24 Jahren als Kriegsfreiwilliger zurückgekehrt aus dem Koreakrieg und nun auf der Flucht zu seiner jüngeren Schwester, die ihn dringend heim nach Georgia gerufen hat. Doch auf der Straße wird Frank aufgegriffen und erst einmal in die Psychiatrie eingeliefert. Es ist eiskalter Winter und ihm wurden die Schuhe abgenommen. Nur Hose und Uniformjacke hängen im Spind. Wie kann er fliehen, bevor ihm wieder Morphium gespritzt wird? Und kann er sich Schuhe besorgen? Denn er weiß: „Im Winter ohne Schuhe draußen herumzulaufen, würde garantiert zu seiner Festnahme und geradewegs zurück in diese geschlossene Abteilung führen, bis er wegen Landstreicherei verurteilt werden konnte.“ (S. 14)

Es gab also in diesen 50er Jahren ein bekanntes Gesetz gegen Landstreicherei. Er durfte nicht Herumstehen im Freien oder ziellos umhergehen oder sonst auffallen - und ohne Schuhe durch den Schnee zu laufen, wäre schon ziemlich auffällig …

Aus dem Englischen von Thomas Piltz und 2015 erschienen in der Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

M

Antonio Muñoz Molina, 1991: Stadt der Kalifen. Historische Streifzüge durch Córdoba

In Begleitung von Muñoz Molina erhalten wir Lesenden leicht Zugang zu dieser andalusischen Stadt, um die in Kriegen gekämpft wurde und in der schließlich Muslime, Juden und Christen unter der Herrschaft des Emirs Abd al-Rahman zusammenlebten. Es entstand eine „Labyrinthstadt“ (S. 67) aus häufig Zerstörtem und wieder Errichtetem, Erweitertem oder Neuem. Und immer bewacht, tags und nachts: Es gab sogar Verbindungstore zwischen Gassen und Plätzen, die zur Nacht verschlossen wurden. Aus den fensterlosen Häusern kam kein Licht. „Jemand, der alleine durch die Straßen geht, sitzt vielleicht hinter einer Tür fest, die am Ende der einen Gasse hinter seinem Rücken verschlossen wird.“ (S.80)

Wer in die Stadt von Süden her reiste, kam zuerst an „kleinen weißen Steintafeln mit Grabinschriften“ vorbei. Freitag nachmittags wurden diese Grabstellen besucht, auch von Frauen. „So genossen sie die kostbare Gelegenheit, an der frischen Luft spazieren zu gehen und flüchtige Blicke mit Fremden auszutauschen“ (S. 74). Der Friedhof war am Flussufer gelegen und ein beliebter Ort für Spaziergänge und Vergnügungen, damit auch ein Treffpunkt für Liebende (vgl. ebd.). Und für Frauen eine der wenigen Möglichkeiten, die Häuser und Innenhöfe einmal zu verlassen.

Aus dem Spanischen von Klaus Jetz und 1994 bei Rowohlt erschienen

Ganz nach oben

Buchstabe N

N

Maya Nadig, 1986: Die verborgene Kultur der Frau. Ethnopsychoanalytische Gespräche mit Bäuerinnen in Mexiko

Bei ihrer ethnopsychoanalytischen Forschung in den 80er Jahren wohnt die Wissenschaftlerin eine geraume Zeit in einigen Dörfern in Zentralmexiko. Dies umfasst auch zurückgezogene Hochlandregionen nicht so weit entfernt von der Hauptstadt, in denen viele Otomí leben, die vorrangig ihre eigene Sprache sprechen. Zum Forschungsprojekt gehörten viele Einzelkontakte zu dort lebenden Frauen, das Kennenlernen ihrer Lebensweise und die Untersuchung ihrer Entwicklungschancen.

Kurz nach der Ankunft in einem der abgelegenen Dörfer während der Regenzeit begegnet sie während eines Dauerregens Amanda und wird von ihr sofort nach Hause eingeladen: „Als der Regen aufhörte, sagte sie, ich solle mit ihr nach Hause kommen. Es war recht weit, in einer Gegend, wo ich noch nie war, hinter dem Dorf auf den Hügeln. Wir gingen zuerst durch die Steppe zwischen Grasflecken, Riesenkakteen und Dornengebüsch hindurch, dann auf winzigen Pfaden den Hügel hinauf. Und dort, gerade hinter der Hügelkuppe an den Felsen gebaut, stand ihr Haus mit einem Blick über das Tal.“ (S. 253) Unterwegs kontrollierte Amanda immer wieder die kleinen Wasserkanäle und regulierte Stau und Durchflüsse.

Dieser Weg ist nur einer der vielen, die sie die nächsten Monate immer wieder gehen wird, ob bei Regen oder in glühender Sonne …

N

Catherine Newmark, 2018: So gehen die Damen …

Der Ausgangsthese ist sicher zuzustimmen, nämlich dass „über weite Strecken die Geschichte des weiblichen Gehens eine andere als diejenige des männlichen“ (S. 76) sei und dies in großen Teilen bis heute. Dies entsprach immer auch der jeweiligen Stellung der Geschlechter in der Gesellschaft. Es liegt also nicht an der Natur der Frau nicht zu gehen - und schon gar nicht unbegleitet -, sondern diese Auffassung schließe eher „an moralisch-normative Ideen einer Zeit“ an. Zum anderen wüssten wir Vieles auch gar nicht, denn Frauen traten ja auch generell seltener in der Öffentlichkeit auf und hinterließen auch auf Papier und Leinwand viel weniger Spuren.

Allein und frei zu gehen fiel also weitgehend aus, dafür durften die Damen gesittete, da begleitete, Spaziergänge in dafür geeigneten Umgebungen machen. Übrigens ein häufiges Motiv auch in der Malerei. Die einsamen Wanderer dagegen sind auch dort eben Männer.

Die letzte These von C. Newmark bezieht sich auf die Öffentlichkeit und verweist auf Rebecca Solnit und deren Buch „Wanderlust“. Denn wenn in vielen Ländern gesetzliche Einschränkungen der Freiheit von Frauen inzwischen weitgehend aufgehoben sind, bestehen faktische Einschränkungen weiterhin: So ist jede dritte Frau weltweit schon einmal Opfer von physischer Gewalt geworden - häufig in familiärer Umgebung.

Was würde geschehen, wenn Frauen nun auch noch häufiger allein rausgehen würden …

Erschienen in der Sonderausgabe des Philosophiemagazins zum „Wandern“, S. 76/ 77

N

Judit Nirán, 2009: Im Grunewald

In ihrem letzten Traum spricht der Urgroßvater des Urgroßvaters Deutsch mit ihr, als sie durch den Grunewald gehen und die Linden blühen. Damals war dieser noch nicht nach Ungarn ausgewandert, wo ihre Familie jetzt lebt. Doch nun ist sie in Berlin und will durch die Stadt gehen und sie kennen lernen. Das ist im März bei Schneefall nicht unbedingt angenehm, aber in ihrem Zimmer hält sie es auch nicht so gut aus. Sie nimmt also ihren Mantel und will mit ihren „Stiefeln Kilometer von Asphaltmasse durchwalken“. Denn Berlin erscheint ihr als „die Stadt der einsamen Spaziergänge“ (S.56), weil planloses Gehen möglich ist, ohne auf Hindernisse zu stoßen wie zum Beispiel ein Meer oder eine Mauer.

Doch schon bald trifft sie auf eine andere Art Hindernis: Beim Aussteigen am Hauptbahnhof, der sich zu der Zeit noch im Bau befand. Sie darf dort nämlich nicht aussteigen, darf nur mit der gleichen Bahn eine Station zurückfahren und dort aussteigen. Sie trifft bald auf weitere Rätsel und findet überhaupt, dass es an Berlin nichts zu sehen gebe und die Stadt auch nicht schön sei.

Trotzdem geht sie weiter durch den schmelzenden Matsch … (und aus eigener Erinnerung hinzugefügt: durch die Matschspritzer der Fahrzeuge, die dreckigen Schneehaufen an den Geh- bzw. Radwegecken und so weiter …)

Aus dem Ungarischen von Eva Zador und erschienen in „Lettre International 86“, S. 55 - 58

N

Paul Nizon, 2010: Gärten des Glücks.

Für Nizon sind Gärten seit der Kindheit eine Glücksverheißung, denn er erlebte sie als „Orte der Schönheit, der Stille und der Muße“. Er gelangte nur über Umwege zu ihnen, brach auch mal nachts ein. Seitdem sind Gärten für ihn mit Glücksvorstellungen verbunden, wie ein Paradies. Obwohl seine Familie und er nie einen Garten hatte, ist er immer noch ein Garten- und Parknarr und ein Liebhaber botanischer Gärten. Rückblickend sieht er diese Phase als eine Art der Glückserzwingung: „Auf den Gängen durch die Gärten wurde die Maschine der Lebens- und Selbsterfindung in Gang gesetzt.“ (S. 108) Dies konnte aber nur einzelgängerisch vonstatten gehen, überhaupt waren seine Glückspraktiken Einzelhandlungen.

Er versteht sich „als Bewegungsmensch, Herumwohnender, Stadtstreicher“ (S.109). Ihn interessieren Clochards, Außenseiterfiguren oder Randexistenzen - die alle „etwas von einer letzten Freiheit erreicht zu haben scheinen“ (ebd.). Zu Menschen seines Schlages gehören „die Niemandszugehörigtkeit und das Passantentum. Schriftsteller, wie ich sie sehe, sind Emigranten, keine Nationalhelden, eben Passanten, die nirgendwohin, sondern nur zur Menschenwelt gehören.“ (S. 110)

Paul Nizon spricht mit Heinz-Norbert Jocks, veröffentlicht in Lettre International 88, S.108 - 110

N

Cees Nooteboom, 2015: Venedig - Fluide Stadt

C. Nooteboom war schon häufig in Venedig. Auch dieses Mal gelingt es ihm rasch, sich zu orientieren. Schon am ersten Abend findet er ein passendes Lokal, wo er täglich seinen Kaffee oder ein Glas Wein trinken kann. Um nicht aufzufallen, versucht er, wie ein Stuhl auszusehen (vgl. S. 12). Zur Normalität gehört für ihn auch, dass er in einer gemieteten Wohnung wohnt. Allerdings wundert er sich, dass er sich in dieser gar nicht großen Wohnung ständig verirrt. Und genauso passiert es ihm in der Stadt; auch dort verirrt er sich. Zum Glück ist ihm das eigentlich egal, er betrachtet es „als perfekte Metapher für das Leben“ (S. 13).

Zur Ankunft gehört die Erinnerung an vorherige Reisen und an sein Wissen über die Stadt, aber auch eine Besichtigungstour mit einem Boot. Beim Aussteigen spürt er das Besondere, denn nun ist das Land wieder Festland, es hängt „wieder am Rest der Welt fest“ (S. 36) Für ihn ist dieses Versinken in die Vergangenheit mit Venedig verbunden, das er voll ausleben kann, weil er nicht vom Verkehr abgelenkt ist (vgl. S. 36): „Man spaziert dahin, die Füße geben den Rhythmus vor, dann ist man schon fast bei einem epischen Gedicht, liest die Stadt im Takt der eigenen Schritte.“ (S. 37)

Aus dem Niederländischen von Helga Van Beuningen und erschienen in der Edition 5plus 2/2017 (Schleichersche Buchhandlung, Dahlem)

N

Solomon Northup, 1853: 12 Years a Slave. A True Story

As freier Sohn eines freigelassenen Mannes im Bundesstaat New York geboren, war es für Solomon Northup selbstverständlich, genauso intelligent zu sein wie Menschen hellerer Hautfarbe, die gleichen Gefühle und Leidenschaften zu besitzen wie ein weißer Mann. Und so ging er als junger Mann mit verschiedenen Talenten an die Familiengründung und Existenzsicherung heran.

Als er sich wegen eines Arbeitsauftrags in Saratoga Springs, New York, aufhielt, lernte er im Hotel einige Männer kennen, mit denen er viel über Sklaverei sprach, da diese selbst Sklaven waren.

Eines Tages im Jahr 1841 wurde er auf der Straße von zwei ihm unbekannten Männern angesprochen auf der Suche nach einem guten Musiker. Sie luden ihn ein zu einem Auftritt und schlugen vor, ihn gleich in ihrer Kutsche zu den Auftritten mitzunehmen.

Die Reise ging, mit kleinen Unterbrechungen für Auftritte, bis nach Washington. Dort zeigten ihm seine Begleiter zuerst verschiedene Sehenswürdigkeiten und nachmittags besuchten sie immer häufiger Trinksalons. Schließlich luden sie auch ihn zu einem Glas ein. Weil er sich rasch sehr elend fühlte, wurde er von einigen Männern aus dem Hotelzimmer geholt, um ihn zu einem Arzt zu bringen. Als er wieder zu sich kam, waren seine Kopfschmerzen abgeklungen. Er fand sich allein in der Dunkelheit - mit seinen Füßen in Ketten … (Vgl. S. 16)

Herausgegeben 1853 von D. Wilson in New York und zuletzt erschienen bei Collins Classics

Ganz nach oben

Buchstabe O

O

Flannery O’Connor, 1951: Ein guter Mensch ist schwer zu finden

Familienausflug nach Florida, nur die Großmutter ist dagegen, weil sie lieber Verwandte in Tennessee besuchen möchte. Sie beredet ihren Sohn, zeigt ihm die Zeitung, die von dem Outlaw berichtet, der aus dem Zuchthaus ausgebrochen wäre und nach Florida unterwegs sei. Doch warum sollte ihr Sohn das so wichtig nehmen? Also rein ins Auto, samt Koffer und Katze und los. Unterwegs halten sie an einer Tankstelle und nehmen gegrillte Sandwiches mit für den Weg. Auf Drängen der Großmutter und der Kinder biegen sie ab in eine Staubstraße, um zu einem alten Gutshaus zu fahren, an das sich die Großmutter zu erinnern meinte.

Und nun geht alles ganz schnell: Sie landen wegen des plötzlichen Abbiegemanövers im Graben, der gesuchte - und schnell erkannte - Outlaw kommt ihnen mit zwei anderen Männern entgegen, zwingt die Familie auszusteigen. Zuerst sind Vater und Sohn aufgefordert, seinen Komplizen zu folgen. Die beiden würden sie etwas fragen wollen: „Würden Sie bitte mit ihnen in den Wald rübergehn?“ …

Aus dem amerikanischen Englisch von Anna Leute und Dietrich Leute, erschienen 2018 in dem Sammelband „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ bei Arche.

O

Claudia Opitz, 1992: Hausmutter und Landesfürstin

Das Frauenbild im 17. Jahrhundert war stark durch die Reformation geprägt: Die Hausmutter sollte einem Haushalt vorstehen, der aus etlichen Bediensteten und Kindern bestand, und in wirtschaftlichen sowie religiösen und moralischen Fragen beschlagen sein. (Vgl. S. 344) Allerdings setzten diese Vorstellungen einen gewissen Wohlstand voraus, der nur bei den Mittel- und Oberschichten vorhanden war.

Eine andere Folge der Reformation war die Abschaffung von Klöstern und damit die Abschaffung der Ehelosigkeit, was sich aber auch fast als Zwang zur Verheiratung verstehen ließ. Denn die Ehe wurde ein zentrales „Element in der Vorstellung von der rechten Ordnung und christlichen Lebensweise“ (vgl. S. 345). Für die in der Folge untergeordneten Frauen bestand ein Gebot der rastlosen Betriebsamkeit. Die Häuslichkeit wurde propagiert als die Lebensweise: Sie wurde zum Symbol weiblicher Zucht und Ehrbarkeit an sich. Straße und Öffentlichkeit wurden zu eigentlich „unweiblichen“ Aufenthaltsorten, „zu Orten, an denen Frauen besonders rasch ihre Ehrbarkeit einbüßen und ihres guten Rufes verlustig gehen konnten“ (S. 348).

In großen Städten wurden „Werk- und Zuchthäuser“ gegründet, in denen Verarmte wie Bettler, Straffällige, Vagabundierende, Prostituierte und uneheliche Mütter festgesetzt wurden, angehalten zu schlecht bezahlter Arbeit (vgl. S. 354).

In: Rosario Villari, (Herausgeberin), 1999: „Der Mensch des Barock“, 1997, Fischer Taschenbuch

O

Hanns-Josef Ortheil, 2014: Die Berlinreise. Taschenbuch von btb

Zum Glück gibt es immer wieder hochmotivierte Berlinbesucher, die durch alle Ecken Berlins streifen wollen oder auch mal mit der S-Bahn fahren, sich dazu Notizen machen und dann sogar noch ausführliche Begriffseinträge für das Reisetagebuch. Dies alles hinterlässt uns zumindest der damals zwölfjährige Ich-Erzähler, der 1964 allein mit seinem Vater reist und die für die Eltern wichtigen Orte kennen lernen soll und möchte.

Sogar ein nettes Quartier findet sich nahe am Botanischen Garten, in der Gegend, in der die Mutter auch während des Krieges gelebt hatte. Und für unterwegs gilt die spontan vereinbarte Regel ganz nach Old Shatterhand, dass Hunger und Durst einfach runtergeschluckt werden (Vgl. S. 21). Natürlich gibt es davon auch Ausnahmen.

Bummeln mögen sie nicht, keiner aus ihrer kleinen Familie. Sie sagen lieber „Gehen wir doch ein paar Schritte!“ oder „Machen wir doch einen Spaziergang!“. Und in einem Lokal hat er einmal aufgeschnappt: „Vertreten wir uns noch etwas die Füße“. (S. 52)

Abschalten und Beobachten ist dagegen erlaubt, vor allem im Zoo. Die Tiere interessieren sich nicht für uns, und wir Menschen interessieren uns endlich mal nicht füreinander, sondern nur für die Tiere. Die entsprechende Regel ist: Keine Pause, kein Essen und Trinken. Denn nur so wird der Blick geschärft. (Vgl. 246 ff.)

Der Besuch in Lübars führt nach so viel Stadt und Gequassel mit einem Freund des Vaters zur letzten Erkenntnis des schreibenden Sohnes: „Das Gehen über die Felder ist ein freies Gehen. Denn „man taucht in die Natur ein, und ganz drinnen in der Natur ist es absolut still (wie im Weltall)“. (S. 264)

O

Viktor Otto, 1998: Warum Goebbels kein Flaneur sein konnte. Politische Dimensionen der Berlin-Flanerie um 1930.

Flanieren war in den zwanziger Jahren und Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eher mal ein Thema für das bürgerliche Feuilleton, kaum für die nichtbürgerliche Presse. Der Verfasser nimmt dies nicht nur an, sondern hat es bezogen auf Berlin auch genau recherchiert.

Hitler mit seinen Architekturambitionen und seinen Berlinaversionen hat sich indirekt dazu geäußert, indem er das Klischee „Berlin als kulturferne, profillose Massenstadt als Hochburg kapitalistischer Geschäftigkeit und und jüdisches Machtzentrum“ verbreitete. Nach der Machtübernahme verdeutlichten Fackelzüge der SA, von wem der „Asphalt“ zu nutzen sei. Das Wandern war von der politischen Rechten zur deutschen Fortbewegungsform par excellence stilisiert und gewann erneut an Bedeutung (vgl. S. 163).

In der Stadt und insbesondere der Großstadt hatte der Schutzmann die Aufgabe, darauf zu achten, dass die einzelnen Verkehrsteilnehmenden sich keine Freiheiten herausnahmen. Funktionsloses Gehen wie bei der Flanerie war in dieser Zeit überflüssig und störend. Tucholsky ließ seinen Ignaz Wrobel schon in den zwanziger Jahren immer wieder auf die Lächerlichkeiten des Überorganisierens hinweisen (vgl. S. 165).

Doch wer sich in der Öffentlichkeit Müßiggang erlaubte und nicht gehetzt durch die Straßen ging, fiel unter den neuen Machthabenden auf. Von Goebbels insbesondere wurde der Flaneur, also der Gehende ohne Ziel und Hetze, immer wieder als nutzlos angegriffen. Fortbewegung ohne Ziel und Funktion sollte verschwinden. Gewünscht waren das Wandern, das Marschieren und das Patrouillieren als die bestimmenden Arten die Fortbewegung zu Fuß. (Vgl. S.174)

Erschienen in: Berlin-Flaneure. Stadt-Lektüren in Roman und Feuilleton 1910 - 1930. Hg: Peter Sprengel im Weidler Buchverlag Berlin, S. 161 - 180

O

Amos Oz, 2005: Plötzlich tief im Wald. Ein Märchen.

Amos Oz schickt seine Heldinnen und Helden häufiger los - sicher zu recht. Denn die Orte, die sie bewohnen, könnten besser sein und da lohnen sich Vergleiche, vor allem wenn es den Anschein hat, dass da etwas fehle - wie die Tiere und tagsüber mal ein achter Baum. Die beiden Kinder Maja und Mati wollen dazu mehr wissen und schließlich machen sie sich heimlich auf in den Wald. Sie „liefen den Fluß entlang bergauf“ und überquerten ihn über glatte Felseninseln. „Je höher sie in die Berge kamen, den sich dahinschlängelnden Fluß entlang, um so undurchdringlicher wurde der Wald. Immer wieder mußten sie sich durch Zweige, Gebüsch und Schlingpflanzen hindurch ihren Weg bahnen. (…) Ab und zu wurde das Dickicht so undurchdringlich, daß sie nur gebückt oder auf allen vieren vorwärtskamen (S. 52).

Bis sie schließlich …. Und schon läuft der eigene Kopffilm wie von selbst …

Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler und 2006 erschienen bei Suhrkamp

Zehn Jahre nach dem Erscheinen dieser Geschichte auf Deutsch erzählt Amos Oz im Gespräch mit Thomas David von der „Welt“, dass er jeden Morgen vor Sonnenaufgang aufwache und in Tel Aviv im Park spaziere: „Ich bin um diese Uhrzeit ganz allein, und die Sonne geht nur für mich auf. Ich lausche den Vögeln, und sie singen nur für mich. Ich habe den Drang, vor Freude in die Hände zu klatschen und bin erfüllt von der Dankbarkeit für das Schauspiel der aufgehenden Sonne.“ (“www.Welt.de“, 07.03.2015)

O

Emine Sevgi Özdamar, 2012: Wegbeschreibungen. Ein Interview in der Berliner Volksbühne

Talent zur Schauspielerin und Schriftstellerin zu haben und auch noch Reflexion der eigenen Anpassung, ist bei der Autorin ein wunderbares Zusammentreffen. So ist sie in der Lage, den deutschen Körperrhythmus zu spüren, der sich mit der Zeit in ihrem Körper durchgesetzt hatte. Denn was sie in der Türkei von und auf der Straße hört, höre sie ja hier nicht mehr. Welche Sprache sie zum Schreiben nimmt, ist nicht so wichtig. Das Schreiben ist für sie eher so, „wie wenn sie Wörter über ein Seil zu laufen bringen müsste, ohne dass diese Wörter runterfallen würden. Das ist so wie ein Seiltanz.“ (4min30)

Während sie einige Jahre als Assistentin an der Volksbühne arbeitete und jeden Tag von West nach Ost und zurück wechselte, konnte sie die beiden Teile nicht zusammendenken: „Die Körpersprachen der Menschen waren anders, die Straßen waren anders, die Bewegungen auf den Straßen waren anders. Zum Beispiel in Westberlin gab es mehr Läden. Deshalb gab es auf den Straßen von den Menschen Zick-Zack-Bewegungen. Einer überquert die Straße, um zu der Bäckerin zu gehen, von der Bäckerin zu der Boutique und hierher. Du sahst ganz andere Bewegungen (…)

Und hier gab es viele Alleen und nicht so viel Bewegung. Da hast du die Menschen geradeaus laufen sehen. Die Körpersprachen waren so unterschiedlich wie in verschiedenen Epochen“ (6min50)

Das Interview mit Jan Homberg ist eingestellt unter https://vimeo.com/60297410
Passend dazu ihr Buch von 1998 zu ihrer eigenen Ankunft in Berlin: „Die Brücke vom Goldenen Horn“

Ganz nach oben

Buchstabe P

P

Orhan Pamuk, 2010: Hier war ich schon mal

Müde trottete er vor sich hin, wollte so schnell wie möglich nach Hause. Schaute plötzlich auf und sah Bäume vor sich, „dazwischen ein Dach durchschimmern, eine schön gewundene Straße, Sträucher, frühes Herbstlaub“. (S. 52) Diese überraschende Schönheit unterbrach seinen Gang, er schien sich an diesen Ort zu erinnern, obwohl er sich sicher war, dass er das erste Mal dort vorbeikam. Diese Straße war ein zufälliger Durchgangsweg. Und doch, bald wieder mitten im Trubel der Stadt, erinnerte er sich an die Schönheit des Weges.

Er staunt darüber, dass er sich immer wieder an diesen Ort erinnerte, so auch in Gesellschaft von Freunden. Die Erinnerung an diesen Weg und dieses Licht blieb, er ließ sie herein in sein Alltagsleben, stellte sich beim Wetterbericht im Fernsehen vor, wie es dort bei Gewitter aussähe …

Enthalten in seiner ‚Fundgrube von Kurztexten‘: Der Koffer meines Vaters. Aus dem Leben eines Schriftstellers, S. 52 - 54, erschienen als Taschenbuch bei Fischer

P

Lola Parra Craviotto, 2018: Die Erfindung des Jakobswegs

2017 war das Rekordjahr für die bekannteste Pilgerroute Europas: 300 000 „Pilgernde“ - also vermutlich diejenigen, die sich den Pass für diese Route gekauft hatten, um die Unterkünfte am Weg nutzen zu können. Diese Menschen kamen aus insgesamt 177 von rund 200 Ländern insgesamt. Finanziell gefördert wird diese Renaissance der „Pilgerschaft“ von der katholischen Kirche und der Europäischen Union.

Tatsächlich liegt diesem Pilgerweg ein mittelalterlicher Mythos zugrunde, nach dem sich in Compostela die Gebeine des Apostels Jakobus befinden sollten. Nachgewiesen ist dies nicht, aber 1884 wurden entsprechende Reliquien vom damaligen Papst Leo XIII. für echt erklärt. Und Franco erklärte 1937 den Tag des Heiligen Jakobus zum Nationalfeiertag, 1948 wollte er den Jakobsweg noch verlängern, „um den Apostel ‚gegen den kommunistischen Feind in Stellung zu bringen“.

Die einsetzende wissenschaftliche Befassung mit dem Jakobsweg brachte natürlich eine weniger glatte Geschichte zu tage. Die Professorin für mittelalterliche Geschichte an der Uni Göttingen, H. Röckelein mahnte: Es gibt zwar Spuren von Pilgern und einen Jakobskult in Deutschland und der Schweiz, aber daraus lassen sich keine Wege nach Compostela ableiten“. Außerdem erklärt sie, dass Wege nie ausschließlich den Pilgern vorbehalten gewesen wären, sondern dass diese „vielmehr den allgemeinen Handelsrouten gefolgt wären“ - und von denen seien einige heute Autobahnen.

Da bleibt nun die trockene Einsicht der Pariser Historikerin Adeline Rucquoi, dass „immer auch starke ökonomische Interessen im Spiel“ gewesen seien.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und erschienen in „Le Monde diplomatique“ vom August 2018, Seite 3

P

Deborah L. Parsons, 2000: Streetwalking the Metropolis. Women, the City, and Modernity

Die Autorin setzt sich sehr genau mit Begriffen und Konzepten von Flanierenden auseinander, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts eingeführt wurden. Für den Flaneur des 19. Jahrhunderts traf wohl die Charakterisierung von Elizabeth Wilson in einem französischen Pamphlet zu, dass dieser M. Bonhomme frei von finanzieller und familiärer Verantwortung sei, den ästhetischen Kreisen der Cafés zugehören würde, mit Interesse an den Kleidungscodes der Gesellschaft, mit Faszination an Weiblichkeit, allerdings ohne sexuelle Beziehungen und durch eine Position isolierter Marginalität.

In der Enzyklopädie Larousse des 19. Jahrhunderts ist der Eintrag ‚Flaneur/die Flaneuse‘ als in der Stadt bummelnde Person dargestellt, die einkauft und die Leute betrachtet. Auch wenn sogar die weibliche Bezeichnung abgeleitet wurde, stellt sich die Frage, ob damit die Auffassung in der Zeitschrift „The Spectator“ aus dem Jahr 1711 noch unterschwellig gelte, dass die Frau in der Öffentlichkeit als bloßes Schaustück gelte, das bloß verachtenswerter wird, je mehr es auffalle. Eine Flaneuse oder Flaneurin ist nach dieser Auffassung jedenfalls nicht akzeptabel.

Der „Flaneur“ bewegte sich allerdings auch zwischen verschiedenen Konzepten hin und her: Ist er Heimatloser oder Wandernder, impliziert dies auch eine Instabilität einer in seinem Sinne höheren, maskulinen Eigenidentität? Außerdem gibt es den Begriff des Dandy, den Baudelaire verwendete. Walter Benjamin dagegen ließ den Begriff einer weiblichen Flanierenden nicht zu. Wer sollte also darüber entscheiden, ob Frauen flanieren können dürfen?

Vgl. Das Kapitel 1 - Mythologies of Modernity, S. 17, Oxford, University Press

P

Kathrin Passig, Aleks Scholz, 2014: Verirren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene

Muss ich befürchten, dass ich bald zu einer Minderheit gehöre, weil sich kaum noch jemand verläuft oder auch verfährt? Soll der Titel des Buches doch anders zu verstehen sein und ich kann das alles schon? Doch gleich auf der ersten Einleitungsseite bin ich beruhigt. Denn es scheint eher ein Versprechen, wenn dort bekräftigt wird: „Verirren wird nie aussterben“. Könnte es darum gehen zu lernen, sich besser zu verirren? Offensichtlich deshalb werden die Vorzüge des Verirrens ordentlich aufgeführt: Nämlich dass es Zeit und Geld spare, dass es Urlaub sei und lebensverlängernd und überhaupt sei das mit der Orientierung eine Illusion.

Dieser Ansatz erscheint mir großartig, solidarisch, meditationsmäßig und unbedingt konsensfähig. Den letzten Tipp der Einleitung nutze ich auch schon lange, wenn auch bisher nur im Selbstgespräch: Ich sage mir dann ganz ruhig, dass es gut sei keine Ahnung zu haben, wie ich zum Ziel komme und welches Ziel ich eigentlich hatte und wo das lag. All das könne ich ja nun in gewisser Not endlich rauskriegen …

Allerdings darf meine Tochter nicht dabei sein, sie findet den Weg nämlich immer so schnell und spielend, dass ich mit meiner Methode nicht mal die Chance habe, sie zu nutzen: „Ja Mama, wo wolltest du denn eigentlich hin? Und könnte es sein, dass wir aus dieser Richtung und das dann in dieser Richtung liegt …?“ und sie zeigt einfach immer in die richtige Richtung, wie sich später herausstellt.

Aber genau um all dieses geht es wohl in diesem recht munteren Buch.

Erschienen bei rowohlt Berlin

P

Lilian Peter, 2009: Rückkehr nach Wien

Nach fünf Jahren kehrt die Autorin zurück nach Wien: Sie spaziert durch die Straßen, versucht etwas zu finden, das sich verändert habe in diesen fünf Jahren. Die wienerische Kaffeehauskultur vielleicht, nachdem sich Starbucks - wie in ganz Europa - auch in Wien angesiedelt hat? Eher war es wohl umgekehrt, je mehr Starbucks desto größer die Zahl einheimischer Kaffeehäuser: Melange und den kleinen Braunen können so gut nämlich nur die Wiener.

Sie kann also beruhigt ihre ehemaligen Plätze aufsuchen: So spaziert sie durch die gepflegten Parkanlagen von Schloss Schönbrunn, legt sich an dem schönen Spätsommertag zu den anderen Menschen auf dem Rasen, bis der Parkwächter wie gewohnt auftaucht und alle verscheuchen will zur knapp wohnzimmergroßen Liegewiese.

Das Café Hawelka in einer der Seitengassen, so etwas wie ihr Wohnzimmer, wo sie noch ganz richtig ihre „Melange und ein Stück Guglhupf“ zu bestellen weiß. Doch trotzdem: Wer nicht völlig eingewoben sei in den Wiener Alltag und sich darin genüge, „wird … früher oder später ein Brennen unter den Füßen verspüren und sich auf und davon machen wollen“ … (S. 119)

Erschienen in Lettre International 85, S. 118/119

P

Petonnet, Colette, 1987: Variationen über das Rauschen einer Dauerbewegung

Die Aufmerksamkeit der Autorin, einer Ethnologin, richtet sich zuerst auf Zufallssätze, die ihr ins Auge fielen: Auf einem Pariser Bahnhof das Schild mit der Aussage: „Eine Stadt besteht aus Kreuzungen.“ Und darunter: „Die Stadt ist packend, packen Sie sie!“

Diese Sätze lassen sie nicht los. Sie gieren nach Klärung: Denn sie können sich nicht nur um das Physische der Stadt drehen, denn das wären ja nur die Fassaden. Außerdem besteht die Stadt aus den Menschen, die sich schon gar nicht packen lassen, da diese sich vielmehr ständig bewegen, zu Fuß oder auch mittels Fahrzeugen. Je nach Forschungsansatz könne die Stadt mal im Vordergrund und mal im Hintergrund der Untersuchung stehen.

Immer wieder entstehen neue Fragen zur Herangehensweise: „… wie soll man dann die Ameisenhaufenstadt erfassen, die prozessionsartigen Straßenüberquerungen an den Fußgängerübergängen, die automatisch angehalten und unermüdlich wieder losgelassen werden …

Enthalten in: Gehen in der Stadt. 2007, Hg. Justin Winkler. S 63 - 74

P

Petrowskaja, Katja, 2014: Ein Spaziergang

Es mutet merkwürdig an, wenn ein Ort des Massenmordes wie die Schlucht Babij Jar im Nachkriegskiew nun ein Park ist. Zuerst genutzt von Joggerinnen, Fußball spielenden Jungs und Bier trinkenden Männern, deren Flaschen ein paar Rentner einsammeln. Die Ich-Erzählerin ist gleichzeitig ihr eigenes Versuchsobjekt und stellt sich die Frage, ob sie auch ohne die Verwandten, die dort ermordet wurden, in diesem Park spazieren gehen könnte. Die Menschen um sie herum jedenfalls gehen spazieren, reden, gestikulieren in der Sonne. Nur sie hört nichts. Für sie aber schluckt die Vergangenheit alle Laute der Gegenwart: „Mir ist, als ob diese Spaziergänger und ich uns auf verschiedenen Leinwänden bewegen.“ (S. 186) und sie stellt sich Fragen: „Wäre es mir lieber, wenn Babij Jar nun wie eine Mondlandschaft aussehen würde?“ (Ebd.)

Doch sie hält es aus und geht von Denkmal zu Denkmal, weil nach Jahrzehnten der Missachtung des Ortes nun jede Opfergruppe ihr Monument bekam. Zehn Denkmäler waren es, ihr nicht nachvollziehbar, warum sogar bei diesen Erinnerungsstätten noch eine Selektion erfolgt. Als sie weitergeht und auf einen Hügel steigt, das Gebüsch wilder wird und der Verkehrslärm nicht mehr zu hören ist, sieht sie weitere Gräber und darauf Kreuze. Bis zu den Knien in Laub versunken merkt sie, dass sie über einen alten Friedhof geht mit überwucherten Grabsteinen, bald ist der Weg gesperrt. Und sie erfährt jetzt erst, dass sich Babij Jar früher hier befunden hatte.

Enthalten in „Vielleicht Esther“, erschienen bei Suhrkamp.

P

Ramiro Pinilla, 2006: Der Feigenbaum

Diese Geschichte aus der unmittelbaren Phase nach spanischem Bürgerkrieg und baskischem Widerstand ist ortsbezogen: Im Mittelpunkt stehen der Feigenbaum und das, was er bedeckt - und damit auch die Personen, die direkt oder indirekt darüber wachen. Der erste Schuldige, den es beunruhigt, geht eines nachts los in der ihm fremden Gegend. Er erinnert sich grob an die damaligen Gegebenheiten, nur eine Taschenlampe hilft bei der Suche. Schließlich findet er den schlammigen Weg, der abwärts führt, dann eben wird. Und auf einmal erkennt er die Gegend, ein Haus und ein großer Baum. Noch ungefähr ein Kilometer fehlt bis zu der Stelle. Es gibt keine Fußspuren, weil die Erde damals noch sehr trocken war. Ratlos und müde setzt er sich auf einen Stein. „Auf einmal sehe ich ein paar Meter vor mir einen Stock, der in umgegrabener Erde steckt, und es ist dieser Flecken Erde, der mich aufspringen lässt …“ (S. 80)

Aus dem Spanischen übersetzt von Stefanie Gerhold und 2013 erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag.

P

Elisabeth Plessen, 1979: Kohlhaas

Diese historische Figur des ausgehenden Mittelalters, verdient durchaus weitere literarische Versionen neben der bekanntesten von Heinrich von Kleist aus den Jahren 1808/1810. Die Darstellung der Autorin wechselt zwischen Nähe und Leichtigkeit, zwischen Einfügungen distanzierter Reflexion des Helden und leise wachsender Empörung der Lesenden.

Die Autorin stellt neben dem großen historischen Bogen viele Details aus dem Alltag dar. So fällt es nicht sofort auf, wie schwerwiegend das Geschehen ist, als Kohlhaas und sein Begleiter Herse von der kursächsischen Burgstadt Düben am 30. September 1532 nach Wellaune einreiten, einem kleinen Dorf am Heiderand. Denn dort erwartete ihn ein grinsender Burgvogt mit kräftiger Begleitung, um den beiden Freunden, die nach Leipzig unterwegs waren, die Pferde wegzunehmen - und zwar unter dem Vorwurf des Pferdiebstahls.

Kohlhaas und sein Freund Herse gehen also zu Fuß. Vor Eulenburg setzten sie mit einer Fähre über den Fluß.“ (S. 50) Es ging bergaufwärts und sie kamen spät in Leipzig an, erst am Ende des zweiten Tages. Herse blieb bei dem Stand und Kohlhaas „machte sich auf den Weg durch eine Rehe von Höfen, Durchgängen, Hinterhöfen, wovon es in Leipzig genug gab, und Gassen und Straßen zu einem Bekannten …“ (ebd.) Die Erzählerin zögert, ob er aus Scham so lange krumme geduckte dunkle umwegige Wege macht. Sie sieht Kohlhaas auf seinem Weg in die Vorstadt nur von hinten, „…, vorgebeugt, zwei Beine, die von mir weglaufen, so, als sei der Mann auf irgendeiner Flucht … (S. 51)

Erschienen im Berlin Verlag/ bloomsbury-verlag

P

Edgar Allen Poe, 1840: Der Mann der Menge

Der Autor sitzt an einem Herbstabend in London an einem großen Fenster im Kaffeehaus. Er schaut auf die Straße, die zu dieser Zeit außerordentlich belebt ist, offensichtlich ist dies die Zeit für den Weg von der Arbeit nach Hause. Der Ich-Erzähler achtet auf alles, Beziehungen unter den Passanten, Gestalt, Kleidung, Haltung und Mienenspiel. Offensichtlich findet er Kategorien zur Gruppenbildung, beispielsweise zufriedenes Aussehen, das er mit Anliegen oder Geschäftsleuten verbindet, die nur daran denken würden, sich einen Weg durchs Gedränge zu bahnen. Manchmal hätten sie auch hastige Bewegungen, ließen aber die Andrängenden vorübergehen.

Neben der großen Gruppe von „Anständigen“ entdeckte er auch „viele entschlossen und kühn aussehende Gestalten“ - er erkennt sie als Zugehörige zur Zunft der Taschendiebe, schon allein wegen der Weite ihrer Manschetten.

Dann beschreibt er die Spieler, die verschiedenste Kleidung trugen und auch als Geistliche auftraten. Er erkennt auch die Hausierer, Bettler, bescheidene junge Mädchen.

Während er die Menge aufmerksam studierte, tauchte plötzlich ein älterer Mann in den Sechzigern auf, dessen Gesichtszüge er als sehr widersprüchlich empfand. Kurz entschlossen steht der Ich-Erzähler auf und eilt hinterher, ihm vorsichtig folgend und dies außerordentlich ausdauernd …

Enthalten im Projekt Gutenberg bei Spiegel online

P

Elena Poniatowska, 1969: Jesusa

Noch unter dem Eindruck des Polizeimassakers unter Studierenden 1968 an der Plaza de Tlatelolco in Mexiko-Stadt, bei dem auch ein Bruder der Autorin erschossen wurde, schrieb sie die Geschichte einer betagten Mexikanerin auf, die aus dem Staat Oaxaca stammte. Die Besuche erfolgten über mehrere Jahre wöchentlich, Laune und Gesundheit von Jesusa waren entsprechend unterschiedlich. Viel sprach sie über die Zeit der Revolution, in der sie aktiv teilnahm. Nur wenig sprach sie über ihre Familie, die noch in Oaxaca war. Sie fand die Stadt hässlich, mochte die ganze Gegend nicht. Zu den Ruinen dort ist sie nie gegangen. Und außerdem, „dort ist es nicht so wie hier in Mexiko City, wo man immer unterwegs ist. Zu der Zeit, als ich dort war, vergeudeten die Menschen ihre Zeit nicht, indem sie herumspazierten; spätestens um acht Uhr abends war jeder bei sich zu Hause.“ (S. 230)

Aus heutiger Perspektive ist zu ergänzen, dass Oaxaca zu den historischen Welterbestätte der UNESCO gehört.

Aus dem Spanischen von Karin Schmidt und 1982 erschienen im Lamuv Verlag

Ganz nach oben

Wird fortgesetzt