Gehen kennt keine Zugangsschranken. Jedes Kind lernt es, niemand braucht Fahrschein, Führerschein oder technisches Gerät. Fußgänger kommen untereinander ohne Regeln aus.  Gehwege sind für alle da, und alle benutzen und bevölkern sie.

Es gehen aber nicht alle gleich viel. Alter, Einkommen, Autobesitz und Geschlecht bestimmen stark, wie oft und wie lange ein Mensch geht. Dazu Zahlen aus der Studie „Mobilität in Deutschland“, beauftragt vom Bundes-Verkehrsministerium und veröffentlicht vom Infas-Institut 2018.

Besonders auffällig: Ärmere gehen mehr als Wohlhabende. Von den Angehörigen der untersten Gruppe hatte sich am jeweiligen Erhebungstag 28 Prozent auf die Füße gemacht, drei Einkommensklassen höher nur 19 Prozent. Nun die Spitzenverdiener gehen wieder etwas mehr – bürgerliche Gelassenheit?

 

 

* Anteil derer, die am Erhebungstag einen Fußweg (Hauptverkehrsmittel) unternahmen
Quelle: Mobilität in Deutschland S. 23

 

Starken Einfluss aufs Gehverhalten hat der Autobesitz – sogar stärkeren als der berufliche Status. In allen untersuchten Gruppen gehen die Menschen mehr, die am Stichtag über kein Auto verfügen:

 

 

* Anteil derer, die am Erhebungstag einen Fußweg (Hauptverkehrsmittel) unternahmen
Quelle: Mobilität in Deutschland S. 23

 

 

Studenten und Auszubildende bilden bei ihren Einkommen relativ homogene Gruppen. Wer in ihnen ein Auto besitzt, hängt vor allem von persönlichen Präferenzen und Lebensumständen aber – zum Beispiel von der Verbindung zwischen Wohnort und Ausbildungsstätte. Dagegen gehen bei Berufstätigen und Nicht-Berufstätigen die Einkommen weit auseinander. Autobesitz und Geh-Neigung hängen hier stärker vom Einkommen ab.

Auch das Alter beeinflusst das Gehverhalten. Grundschulkinder sind die geh-aktivste Gruppe. Im Alter zwischen 10 und 50 werden die Menschen fast stetig fußlahmer; dann setzt die Wende ein: Je höher das Alter, desto mehr wird gegangen. Von den Menschen über 80 war am Erhebungstag ein fast so großer Teil unterwegs wie bei den 7- bis 10-jährigen. Auch hier schlägt indirekt das Einkommen durch, das bei vielen bis ins mittlere Lebensalter wächst und dann wieder sinkt – mit Folgen für Autobesitz und Geh-Neigung.

 

* Anteil derer, die am Erhebungstag einen Fußweg (Hauptverkehrsmittel) unternahmen
Quelle: Mobilität in Deutschland S. 23

 

 

Eine ältere Untersuchung [1] erfragte auch den Zusammenhang zwischen Gehen und Geschlecht. Knapp 24 Prozent der befragten Frauen gingen täglich mindestens eine halbe Stunde zu Fuß, aber nur 20 Prozent aller Männer.

Hier wie überall dürfte ein indirekter Zusammenhang zum Einkommen bestehen. Kurz gesagt: Ärmere gehen mehr. Gute Bedingungen für den Fußverkehr sind kein bourgeoiser Luxus, sondern sichern gerade die Mobilitätsbasis derjenigen, die Autos und teils auch Fahrräder, Busse und Bahnen am wenigsten nutzen können.

 

[1] Ralph Buehler u.a.: Active travel in Germany and the U.S. Contributions of daily walking and cycling to physical activity. In: American journal of preventive medicine 41(3):241-50 · September 2011. S.245